Ein besonderes Weihnachtsfest

Ein besonderes Weihnachtsfest
Die Weihnachtsferien hatten begonnen. Mein Haus, in dem immer viel fröhliche Jugend lebte, war still geworden, denn alles war zu den Weihnachtsferien heimgefahren. Ich war allein zurückgeblieben mit einer Freundin, die mein Leben teilte. Weihnachten stand vor der Tür, und wir waren einsam. Einst war unser Leben wohl anders gewesen. Früher feierten wir Weihnachten im großen, reichen Familienkreis - nun war fast alles tot, was damals zu uns gehört hatte. "Wir wollen trotzdem Weihnachten fröhlich sein", sagte meine tapfere Freundin, als wir den ersten Abend still und einsam beisammen saßen. "Aber wie feiern wir Weihnachten, damit es ein frohes Fest wird?" "Wir wollen auf die Straße gehen und Arme einladen", schlug meine Freundin vor, "oder wir erbitten uns irgendwelche Arme aus der Stadtmission." Wir wandten uns an einen jungen Stadtmissionar aus unserer Verwandtschaft und brachten ihm unser Anliegen vor. Der lachte, als wir ihm sagten, dass wir von den Ärmsten der Armen welche haben wollten, solche, um die sich sonst keiner kümmere. "Ich kann euch alle Sorten von Verbrechern vorschlagen", sagte er, "Diebe, wegen Einbruchs Bestrafte, Trunkenbolde, ja sogar einen des Mords Verdächtigen hätte ich auf Lager. Aber", fügte er ernsthaft werdend hinzu, "ich bitte euch dringend, gebt diese Idee auf, es könnte für euch direkt gefährlich werden, wenn ihr fremdes Gesindel ins Haus zieht, sie können sich die Wege zu einem Einbruchdiebstahl gut merken."
"Man muss an die Menschen glauben", sagte ich, "dann erlebt man auch das Gute in ihren Seelen." Er lächelte ein wenig sarkastisch. "Durch mich bekommt ihr keine Adressen von Spitzbuben, sagte er, "und ich rate euch, gebt die Sache auf."
Wir aber dachte gar nicht daran, sie aufzugeben. "Dann holen wir uns die Armen von der Straße", sagten wir, "wir wollen ein besonderes Weihnachtsfest haben!"
Am anderen Tag machten wir uns auf den Weg und gingen zum Weihnachtsmark am Dünakai. Ein seltsames Leben spielte sich in diesen Tagen auf den Straßen und Plätzen an der Düna ab. Einen besonderen Reiz hatte diese Gegend, wenn man ais der Altstadt mit den vornehmen Patrizierhäusern, den alten Kirchen, den schönen alten Bauten auf den Dünakai herauskommt. Europa und Asien, dicht beieinander: die weite Fläche der Düna liegt vor einem, mit den hohen, geschwungenen Brücken, der breite Strom unter seiner Eisdecke still dahinfließend. Kleine Schlittchen, von Schlittschuhläufern geführt, fliegen pfeilschnell auf der Eisfläche hin und her und verbinden dadurch die beiden Ufer der Düna.
Offene kleine Holzbuden reihen sich aneinander. Obst, Nüsse, unglaublich primitive Spielsachen, Tonwaren, Holzschnitzereien werden dort feilgeboten. Reihen von Tischen erblickt man mit allen möglichen Waren, von denen die Verkäufer mit schreienden Stimmen die Vorübergehenden zum Kaufen ermuntern; hohe Ständer mit flatternden Tüchern, gestickten Sachen werden umhergetragen; Tisch mit riesengroßen Teemaschinen und unappetitlichem Teegebäck werden von Käufern umlagert. Man hört ein Sprachgewirr, russisch, lettisch, deutsch, alles durcheinander. Nun kommen wir an die Reihe der Tannenbäume, die zum Verkauf aufgestellt sind; Scharen von Händlern stürzen sich auf uns und preisen ihre Bäume an. Kleine Jungen, in Lumpen gehüllt, mit Pelzmützen und rotgefrorenen Gesichtern, heften sich mit wildem Geschrei an unsere Fersen und bieten sich zum Tragen des Weihnachtsbaumes an. Wir gehen die schmalen Gänge zwischen den Tannenbäumen auf und ab, scheuchen mit einem Scheltwort die uns verfolgenden Buben fort, die einfach unerträglich werden mit ihrem Geschrei und ihrer Zudringlichkeit. Erschreckt flattern sie auseinander wie eine Schar gescheuchter Vögel, um sich sofort wieder zusammenzurotten und uns wieder zu verfolgen. Mein Freundin und ich sehen uns ratlos an: Zerlumpte, Ärmste gab es hier genug, aber von denen wagten wir keinen in unser Haus zu rufen. Traurig wanderten wir heim, die enttäuschte schimpfende Schar hinter uns lassend. Es ist ein Tag vor Weihnachten, und wir haben uns in ein einsames Weihnachtsfest gefunden. Da gehe ich abends in der Dämmerung durch die Straßen und sehe an einem hell erleuchteten Ladenfenster einen Bettler stehen, mit sehnsüchtigen Blicken auf die ausgestellten Herrlichkeiten schauend. Ich stelle mich neben ihn und beobachte ich heimlich: seine Kleider sind geflickt und gestopft, auf dem Rücken hat er einen Bettelsack, in der Hand einen Knotenstock. Er wendet sich mir zu, und ich blicke in ein schönes, ehrliches, altes Gesicht mit einem weißen Bart und frohen klaren Augen, die mich fast etwas schelmisch hinter Brillengläsern ansehen. "Schenken sie mir etwas", sagt er freundlich, Sie haben gewiss ein gutes Herz, ich möchte mir gern ein kleines Weißbrötchen kaufen, aber ich habe kein Geld dazu."
Ich drücke ihm ein Geldstück in die Hand, er zieht höflich sein gestricktes Mützchen und dankt. "Wollen sie mich nicht morgen zum Weihnachtsabend besuchen?" fragte ich ihn.
"Ei, warum denn nicht", sagt er vergnügt, "ich komme schon ganz gern, ich habe aber zu Hause eine Frau, darf ich sie mitbringen?"
Ich lade auch seine Frau ein, und schreibe ihm meine Adresse auf, er verspricht, morgen Nachmittag pünktlich bei mir zu sein.
Als wir aus dem Festgottesdienst heimkommen, finde ich ihn richtig mit seiner dicken lustigen Frau in meiner Küche vor. Sie sind beide gut und sorgfältig gekleidet, nichts erinnert an den Bettelmann von gestern. Ich führe sie in mein Speisezimmer, wo der Festtisch gedeckt ist, und wir setzen uns um den Tisch zur Entrüstung meiner alten Magd.
"Denen würde es nichts schaden, wenn sie in der Küche essen würden", sagt sie ärgerlich, "alles, wie es sich gehört. An einen Herrschaftstisch gehört kein Bettler."
"Aber es ist Weihnachten, Annchen, und die beiden sind unsere Gäste", sage ich, "Sie sollen sich auch mit zu uns setzen."
Die alte treue Seele sieht mich empört an.
"Dienstboten gehören in die Küche zum Essen", sagt sie streng, "und Herrschaften ins Speisezimmer, so war es immer. Außerdem ist er bestimmt kein richtiger Bettler, er ist viel zu lustig."
Das Bettlerpaar lässt es sich wohl sein, sie essen und trinken und freuen sich an allem.
"Das ist mal ein Festabend", sagt der Alte immer wieder, "mir ist es lange nicht so gut gegangen."
Nun ist das Essen beendet, und die Weihnachtslichter sollen angezündet werden. Wir führen das alte Paar unter den hellen Lichterbaum, wo sie ihren Tisch mit Gaben finden.
"Wer spricht jetzt den Weihnachtssegen?" fragt der Alte, "wer segnet den Baum?"
"Wollen sie es nicht tun?" fragte ich.
Er ist sofort dazu bereit, tritt vor und hebt seine Hände empor: "Jesus Christus segne diesen Weihnachtsbaum!" sagt er laut. Dann wendet er sich ein wenig verlegen zu mir. "Weiter kann ich den Spruch nicht", sagt er kleinlaut, "in meiner Kindheit habe ich ihn mal gekonnt."
"Das macht nichts", sage ich tröstend, "wir lesen jetzt das Weihnachtsevangelium."
Ich lese es beim Strahl der Weihnachtskerzen. Dann setzen wir uns zusammen unter den Weihnachtsbaum zu einem Glase Wein. Der Alte soll aus seinem Leben erzählen. Da geht ihm sein Herz auf. "Ich muss ihnen die Wahrheit sagen, meine Damen", sagt er, "Sie sind so gut gegen mich gewesen, ich muss mein Herz erleichtern: ich bin weder arm, noch ein Bettler, ich bin ein ganz wohlsituierter Mann. Wir haben gute Kinder, die uns versorgen, wir haben eine nette kleine Wohnung, und es geht uns eigentlich nichts ab. Aber um so behaglich leben zu können, reicht es nur sechs Tage in der Woche, und um den siebten Tag ebenso leben zu können, muss ich betteln. Da habe ich denn mein Bettlerkostüm, meinen Bettelsack und meinen Knotenstock. Ich gehe dann schon am Morgen früh fort, wenn es noch dunkel ist, damit mich die Nachbarn nicht so sehen, denn ich würde mich ja zu Tode schämen, wenn das herauskäme. Abends komme ich wieder heim und habe immer etwas in meinem Bettelsack, was ich meiner Frau mitbringe, so dass wir den nächsten Tag gut leben können. Die Damen sollten uns einmal zum Kaffee besuchen, es würde Ihnen schon bei uns gefallen. Nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich Sie zuerst belogen habe. Sie sind gewiss ein paar freundliche Damen, die auch mal einen Spaß verstehen."
Die beiden Alten lachten so fröhlich und waren so unbefangen in ihrer Lustigkeit, dass wir mitlachen mussten.
Wir nahmen herzlichen Abschied voneinander und versprachen, sie einmal zum Kaffee zu besuchen. "Meine Alte versteht einen besonderen Kaffee zu kochen", sagte er, "er kann sich sehen lassen, auch vor Damen.
Als wir diese Weihnachtsfeier dem Stadtmissionar schilderten, sagte er : "Da habt ihr doch noch Glück gehabt, es hätte auch ein verkappter Mörder sein können."

Autor: Monika Hunnius

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