Aus der Weihnachtszeit
Kategorie: Besinnliche Weihnachtsgeschichten
Aus der Weihnachtszeit
Es war Spätherbst geworden. Der kalte Nebel und die frühen Abendstunden hatten die Familie um den Tisch versammelt, wo die Lampe brannte, am obern Ende die Mutter mit dem Strickzeug, am untern aber Vroni mit der Flickarbeit saß.
Wir plauderten von den Weihnachtshoffnungen, welche alle unsere Gedanken erfüllten und uns zugleich Arbeit gaben, denn wir schrieben stets aufs neue Wunschzettelchen fürs Christkind und ließen sie in die Nacht hinausfliegen, damit die Engel sie beförderten. Unsere Wünsche wechselten keineswegs oder häuften sich nicht an; wir dachten nur, das Zettelchen möchte nicht schön genug geschrieben sein, denn beim Schluss der langen Liste schüttelte die Mutter stets missbilligend den Kopf und sagte: "Was wird das Christkind von euch denken?" So kam es, dass diese Arbeit an jedem Abend von neuem begonnen wurde. - Dies galt eigentlich nur von meinem Bruder und von dem Zettelchen, das ich für die kleine Sophie schrieb, welche damals erst sechs Jahre zählte und an kranken Augen litt. - Auf meinem eigenen Zettel standen nur die zwei Worte: Ein Messerchen.
Bereits waren nämlich seit jenem Vorgang im Walde (die Kinder hatten im Walde mit ihren Messern die Vogelschlingen des Jagdpächters zerstört, da hatte der Vater ihnen die Messer weggenommen) drei Monate verflossen; der Nikolausmarkt war vorüber; all die Herrlichkeiten in den Buden hatten mich nicht gereizt, denn was ich wünschte, sollte ich nicht besitzen. O, nur ein kleines, elendes Schnappmesser, wie es das ärmste Kind des Dorfes besaß, flehte mein Auge. Der Vater war unerbittlich geblieben, und so hatte ich keine andere Hoffnung als auf das Christkind. Das, dachte ich mir, ist ja ein Kind; alle Kinder lieben die Messer; es versteht die Kinderherzen und weiß auch, dass ich nie mehr einen Unfug mit meinem Messerchen treiben werde; ihm will ich meinen Wunsch recht schön schreiben und sonst gar nichts wünschen; gewiss erhört es mir ihn! Mit solchen Unterhaltungen vertrieben wir uns die langen Abende und machten dabei ordentliche Fortschritte im Schreiben. Während aber die andern ihre Phantasie in Wünschen bereicherten, vertiefte ich mich immer mehr in meinen einen Wunsch und sah bereits ein Wundermesser vor meinen Augen. Nebenbei gab es auch heitere Gespräche aller Art vom lieben Weihnachtsfeste, und besonders war es noch ein Gegenstand, der nicht nur des Abends, sondern bei jeder Gelegenheit zum Vorscheine kam. Es war nämlich alter Brauch, dass jedes Kind einen eigenen Laib Hutzelbrot mit darauf geklebtem Namen erhielt, und an dieses Eigentum knüpfte sich noch etwas. Nur der erkorene Liebling durfte am Weihnachtsabende vor der ganzen Versammlung diesen Hutzellaib anschneiden, und das erschien uns stets als ein feierlicher, wichtiger Augenblick der Erklärung, welche natürlich die Eltern nicht einschloss, sonst hätten sicher der Vater den einen und die Mutter den andern Gipfel anzuschneiden bekommen. Wenn unter dem Jahre eines im Dorfe besonders in Gunst kam, hieß es flüsternd: "Dich lass ich meinen Hutzellaib anschneiden", - oder es wurde mit dem verneinenden Worte die Freundschaft gekündigt. Und wie eifrig um diese Gunst von klein und groß geworben ward! Bald gab man diesem und jenem das Versprechen und nahm es ebenso oft wieder zurück, um es einem andern zu erteilen; nur ich blieb standhaft, und es war dies nichts Leichtes. Allabendlich sagte Gärtner Xaver zu mir: "Horch, ich spiel dir ein schönes Stücklein auf der Flöte; lässt du mich dann aber auch den Laib anschneiden?" - Dabei benetzte er die Stelle, wo er in die Flöte blies, mit der Zunge, was mir so sonderbar und wichtig vorkam, dass ich die Augen nicht weg wenden konnte und meinte, darin liege das ganze Geheimnis der Flötenblaserei, und wenn ich es nur einmal probieren dürfte, ich könnte es danach gewiss auch. So gern ich nun mein Lieblingsstücklein gehört hatte, blieb ich doch standhaft und antwortete dem Xaver wie allen andern: "Nein, die Vroni darf ihn anschneiden."
Auch in diesem Jahre hatte ich alle Versuchungen zurück gewiesen, und sooft mich Vroni zu Bett geleitete, die Decke an beiden Seiten fest einsteckte und mich dann küsste, schlang ich meine Arme um ihren Hals und flüsterte: "Du weißt schon was, Vroni?" - sie aber flüsterte lächelnd entgegen: "Ist aber auch gewiss?" - und dann nickte ich im Einverständnisse. Vroni liebt uns sehr, und es war ihr eine Freude, dass ich vor der ganzen Versammlung jedes Jahr zeigte, wie anhänglich ich ihr sei. Der Weihnachtsabend war nämlich bei uns ein Familienfest, an dem beinahe der halbe Marktflecken teilnahmen durfte. Vom Hausmeister und Bräumeister bis herab zum niedersten Gesinde war alles geladen; die Stube war auch groß genug, alle zu fassen. Auch aus dem Orte kamen die angesehensten Leute, dazu auch die Taglöhner, welche in des Vaters Dienst standen, besonders durfte unter diesen die "Marxen-Marei" nicht fehlen. Von dieser muss ich jetzt noch ausführlich berichten, denn sie spielte in unserem Kinderleben eine sehr wichtige Rolle.
Die Marxen-Marei oder Marie Marx, wie sie eigentlich zu deutsch hieß, war nämlich eine junge Tagelöhnerin, welche bei der Feldarbeit die oberste Stelle einnahm. Es lebte keine Handfestere, fleißigere Arbeiterin im ganzen Ort als sie. Wenn sie mit der Gabel ins Heu stach und auflud, gab es tüchtig aus. Dies ging so flink fort, dass in kurzer Zeit durch sie mehr geschah, als von andern in langer Frist. Aber es rann der Schweiß auch in dicken Tropfen über ihr braunes Gesicht; sie hatte Mannesstärke wie ein "Dragoner". Ich wusste damals zwar nicht, inwiefern diese Gleichnis passte; die Leute sagten einmal so und fassten damit den Inbegriff aller Kraft zusammen. Sie schritt auch ganz anders einher als die andern Mägde und schrie mit dicker Bassstimme, dass vor ihrem Befehl die Knechte verstummten. Der Vater stellte sie den andern als Muster auf, und wenn sie nach beendigter Arbeit vor des Torwarts Häuslein auf der Bank ausruhte, blieb er nicht selten bei ihr stehen und hörte ihrem lustigen, tollen Geplauder, ihren Hexen- und Geistergeschichten, von denen sie stets einen großen Vorrat hatte, eine Weile zu. Niemand horchte jedoch lieber darauf als wir Kinder. Wenn aber die Mutter oder Vroni uns bei ihr stehen sahen, kam die eine oder andere, fasste uns an der Hand und zog uns Widerstrebende fort. Unbemerkt wussten wir oft zu entkommen und kletterten zu ihr auf den Heuboden oder auf den geladenen Wagen, wo wir uns gebärdeten wie lauter kleine "Marxen-Mareien". Sooft dieses vorfiel, geschah das Seltsamste, die Mutter zankte mit unserer Vroni, und einige Male hatte diese bitterlich darüber geweint bis in die Nacht hinein, dass die Tränen auf mich niederträufelten, als sie mich zu Bette brachte. Damals hielt ich meine Vroni mit beiden Armen umschlungen und flüsterte: "Lass dir was sagen, ich bleib nie mehr bei der Marxen-Marei stehen, wenn sie auch noch so schöne Geschichten erzählt." - Das sagte ich aus großer Liebe zu Vroni, und es kostete mich eine harte Überwindung, denn ich wusste gar nicht, warum ich nicht bei der Marxen-Marei bleiben sollte. Jetzt freilich weiß ich es: sie war die ehrlichste, treueste Seele von der Welt, aber sie hatte auch zugleich die rauesten aller Dorfmanieren, und sie gefielen mir ausnehmend wohl, besonders ihre derbe schwäbische Aussprache und ihre lustigen Lieder. Wie viel ich schon in ihrer Schule gelernt hatte, wusste ich freilich nicht; aber Vater und Mutter gewahrten es mit bedenklichem Kopfschütteln.
Bereits waren wir in der Christwoche angelangt, wo die Herzen so unendlich erwartungsvoll schlagen. Wir hatten den Kutscher Lukas den großen Tannenbaum eines Morgens in den Hof schleppen und denselben hinter der Türe einer Kammer verschwinden sehen, wo für unsere Begriffe unendliche Geheimnisse walteten. Auf dieser Türe war ein in Wolken gehülltes Weib abgebildet, was der Kammer den Namen gab: zum Wolkenweibe, und uns mit solcher Scheu erfüllte, dass wir uns kaum in ihrer Nähe zu reden getrauten. So war uns also mit dem Einzug des Baumes in diese Kammer das geheimnisvolle Walten der Christengel gewiss. Aber vor dem Weihnachtsfeste lockte noch ein wunderbar glücklicher Abend, der einzige außer der Christnacht im ganzen Jahre, wo wir über die neunte Stunde aufbleiben durften. An diesem Abend wurde der große Tisch seines Teppichs entkleidet, auf die Mitte der sauber gefegten Tannenplatte aus einem daneben stehenden Schäfflein die gekochten Hutzeln geschüttelt. Jedes bekam ein Messer und durfte nun die Hutzeln in dünne Scheiben zerschneiden. Es war eine Ehrensache, dass keines davon aß; nur des Vaters Liebling, das kleine blauäugige Schwesterlein, bekam hie und da ein Schnitzchen, denn sie konnte noch nicht mitschneiden und sollte doch auch ihre Freude haben. Hernach kam die Platte mit Mandeln, Nüssen, Feigen, Zitronen, und all das wurde klein zerschnitten. Dabei sang die Mutter schöne Lieder und erzählte Geschichten; der Vater kam auch dazu, und so gab es ein trautes, liebes Familienfest.
Diese Freude war jedoch nicht die einzige, welche mich in jener Nacht erwartete; es gab noch eine andere im dunkeln Hintergrunde, auf welche ich jedes Mal harrte und die vielleicht manchem meiner Leser unerklärlich sein mag.
Es war herkömmlich, dass in aller Frühe nach jenem Abende Vroni mit ihrem Öllämpchen vor mein Bett trat und mich weckte. Rasch schlüpfte ich in mein Röcklein, stand auf und folgte ihr. Am untern Ende des Zimmers stand der Ofen und davor ein großer Backtrog. Darin lag das Mehl, und in der Mitte war mit der Hand eine Grube gemacht für den Sauerteig. Dahin geleitete ich nun meine Vroni; ich durfte Wasser zuschütten und dann gegenwärtig sein, wenn nun der Teig geknetet und endlich das Hutzelbrot bereitet wurde. Auch in der eben besagten Nacht, ehe ich nach dem Hutzelschneiden zu Bette ging, bat ich Vroni, mich gewiss zum Wasserzuschütten und Brotkneten zu wecken, und ich schlief mit fester und ruhiger Zuversicht ein, obgleich ich keine Antwort erhalten hatte. Aber was geschah? Als mich Vroni weckte, schien mir nicht das Öllämpchen in die Augen, sondern der hellste Tag herrschte in der Stube und - vom Ofen war der Backtrog verschwunden. Zuerst sah ich wie vom Traum verwirrt umher, und als mir alles klar und ich überzeugt war, Vroni habe mich um dieser Freude,welche in 365 Tagen nur ein einziges Mal kam, betrogen, weinte ich heftig, stieß Vroni, welche mich beschwichtigen wollte, zurück, nannte sie eine Betrügerin und war selbst durch die herbeieilende Mutter nicht zu beruhigen, ich war nun einmal tatsächlich betrogen und zwar von Vroni, an die ich so fest geglaubt hatte. Sie tat alles, was mich zu jeder andern Zeit entzückt hätte, aber ich wollte keine Freundlichkeit von ihr. Auch meine Geschwister konnten mich nicht beruhigen. Anton sagte in seiner ehrlich - derben Weise: "Dummes Ding, sei froh, dass man dich hat ausschlafen lassen! Da möchte ich auch so einen Lärm machen um nichts! Was hast du denn vom Schütten, Kneten und Backen? Mir ist's nur um das Essen zu tun, und das Hutzelbrot wird ohne dich auch gut geworden sein." - Aber ich entgegnete noch mehr entrüstet: "Schweig, das verstehst du nicht, weil du ein Bub und kein Mädchen bist!" und es ist nun einmal wahr, Vroni hat mich betrogen! ich mag sie nicht mehr, mein ganze Leben lang nicht mehr!" -
Als an jenem Abend Xaver mir ein Stücklein auf der Flöte blies und dann wieder die alte Frage stellte, lag es mir schon auf der Zunge: "Ja!" - aber ich schwieg doch. Am Abende saß Vroni betrübt und schweigsam am Tisch, denn ich hatte sie noch nicht ein einziges Mal angeschaut. Ich schrieb wie gewöhnlich meinen Wunsch dem Christkindlein; ich war jedoch so zornig, dass die Schrift schlecht ausfiel und die Mutter sagte: "Meinst du, von einem so unfreundlichen Kinde werde das Christkind ein Zettelchen lesen?" - Ich aber entgegnete rasch: "Das Christkind betrügt nicht und ist selbst unfreundlich gegen alle, welche betrügen." Auf diese Worte hatte die Mutter nichts zu erwidern, denn wie oft hatte ich dieselben aus ihrem eigenen Munde vernommen! Als Vroni immer traurig blieb, stieß mich Anton heimlich voller Mitleid; aber ich fühlte keines, es war mir recht, ich gönnte ihr die Traurigkeit. Das war eine schlimme Weihnachtsvorbereitung! O, wer den Glauben an einen geliebten Menschen so leicht verliert, ist stets auf bösem Wege, und auf diesem Wege wandelte ich nun.
So ging es fort, zwei, drei Tage. - Die Hutzellaibe lagen gebacken auf dem Brett, jedes trug das angeklebte Zettelchen mit dem Namen des Eigentümers. Ich las auch den meinen, und es war ein ganz besonders großer Laib. Ich maß ihn mit den Augen, und als ich allein war, nahm ich sogar das Ende, meines Schürzchens und maß ihn gegen die andern ab; wahrhaftig, er war größer als die übrigen! Was sollte ich davon denken?
So kam der Weihnachts - Vortag heran, ein furchtbar langer, öder Tag! Die Minuten schlichen gleich Stunden und die Stunden gleich Tagen; das Herz pochte gleich der Uhr, nur nicht so regelmäßig. Das Essen schmeckte keinem von uns, und dazu hatte jedermann zu tun, niemand fand Zeit, mit uns zu reden oder zu spielen. Alle Zimmer waren entweder verschlossen, oder wenn wir die Schnalle drehten, schob sich ein Riegel vor, und wir mussten beisammen im Kinderzimmer bleiben. Wir beneideten unser Schwesterlein, das nachmittags mitten auf dem Boden einschlief. Wir konnten nicht schlafen, nicht spielen; wir wussten und auch nichts zu sagen, denn unser ganze Herz war eine Erwartung. Anton machte den Vorschlag, immer auf sechzig zu zählen, um die Minuten abzumessen; als wir es aber auf tausend gebracht hatten und auf der Uhr noch keine Viertelstunde vorüber war, fanden wir diese Mittel, die Zeit zu beflügeln, völlig untaugsam. Endlich wurde es Nacht; endlich zündete Vroni im langen Gange die Lampen an; endlich rückten die Leute aus dem Dorf ein.
Und nun, heiliger, lieber Christabend! Strahle vor mir in deiner ganzen Pracht!
Drinnen im großen Zimmer erschallte die Glocke; es war das Zeichen, auf das wir den ganzen Tag mit klopfendem Herzen gewartet hatten. Die Flügeltüren öffneten sich, ein Meer von Lichtern strahlte uns entgegen; unter der Türe stand der Vater und sah uns mit den himmelblauen Augen liebeselig an; daneben stand die Mutter, jeder Zug ihres frommen Gesichtes lächelte und winkte uns. Schüchtern, als läge vor und das Paradies, traten wir näher; schüchtern, wie die Hirten vor der Krippe, falteten wir die Hände. Leisen Trittes traten wir an der Hand der Eltern ein, leise folgte uns die ganze Versammlung und stellte sich in einiger Entfernung auf. Jetzt setzte sich die Mutter ans Klavier, spielte einen Choral und sang das Weihnachtslied. Alles kniete nieder und stimmte ein in den wohlbekannten, einfachen Sang. Das Lied war verklungen, wir erhoben uns, atmeten tief auf, und mein Schwesterlein war die erste, welche zum Baume und zum Tische hüpfte. Das endete unsere Scheu, und wir dachten nun jetzt mehr daran, ob das Christkindlein wohl auch unsere Wünsche beachtet habe; die Augen überflogen rasch den Tisch, und die meinen suchten das Messerchen. Da lag viel, viel; aber das eine, was ich so sehnlich gewünscht hatte - fehlte. Ich machte die Runde um den Tisch, ja, es fehlte! Das Christkind hatte mich nicht erhört. Da zog ein Schmerz durch meine Kinderseele; aber als ich aufblickte, sah ich des Vaters Auge freundlich ermunternd auf mir ruhen; er trat zu mir, er führte mich an der Hand zu allem, was mir gehörte, und sagte mir dessen Bestimmung, wo ich es nicht wusste; auch die Mutter kam, und der Geist Gottes, welcher über dem Raume schwebte, senkte sich auf meine junge Seele; ich fiel den Eltern freudig um den Hals, wie meine Geschwister taten, und wir waren alle sehr glücklich.
Nun traten auch, von den Eltern herbeigerufen, alle Eingeladenen herzu, und jedes bekam seinen Anteil. Da erscholl lautes Freudengeschrei, alles sprach und drängte durcheinander zu Vater und Mutter hin; es gab nicht mehr Herr und Diener, es war nur eine große Familie. Xaver hatte eine neue Flöte erhalten und blies gleich ein schönes Stücklein, und dies brachte wieder Ruhe und Ordnung in die lauschende Versammlung.
Jetzt war der zweite wichtige Augenblick gekommen: wir erhielten unsere Hutzellaibchen, und es lagen die Messer bereit, sie anzuschneiden.
In diesem Augenblick verschwand von mir der gute Geist, und der Dämon des Zornes gewann über mich seine Macht. Ich hielt meinen Laib in den beiden Händen und das Messer dazwischen. Ganz in meiner Nähe stand Vroni; sie lächelte mir zu in sicherer Erwartung. Da wallte der Zorn in meiner Seele; rasch kehrte ich mich von ihr - ein suchender Blick flog im Kreis umher; Xaver sah es und blies zum Scherz in seine Flöte; mein Auge aber blieb wo anders haften, und ein boshafter Gedanke zündete in meiner Seele. Da stand die "Marxen-Marei", sie, mit der ich nicht verkehren sollte, sie, die unfreiwillig zu manchem Verweis, den Vroni bekam, Ursache gegeben hatte. Ich eilte auf sie zu, bot ihr das Messer und schrie laut: "Da schneid an, Marxen-Marei, und schneid tief hinein!" - In diesem Augenblick eilten Sophiechen und Anton, von dem guten Geist geleitet, zu unserer Vroni und boten ihr den Laib. Marei aber ergriff das Messer, nahm den Laib zwischen die derben Fäuste und schnitt ihn mitten durch. Aber das Messer fand Widerstand an einer hölzernen Schachtel. "Ei, was ist das? hier steckt etwas!" - rief sie verwundert, und alles drängte sich um uns, nur Vroni blieb in der Ferne stehn. Marei schnitt nun auf der andern Seite den Leib, - sie kam auch hier an die Schachtel und löste nun rings das Brot ab. Richtig, - ein Schächtelein war mitten hinein gebacken. Mit zitternden Händen ergriff ich es, machte es auf, oben lag ein beschriebenes Papier und mit einem Blicke erkannte ich Vronis Handschrift. Da stand: "Meiner lieben braunen Bill von ihrer treuen Vroni"; - unter dem Zettel aber lag ein Messerchen, o, ein Messerchen, wie ich nie zuvor und nie später eines gesehen habe. Der Griff war glänzend wie Silber und stellte eine Laute vor; als ihn der Schein der Lichter beleuchtete, schimmerte er in allen Farben; es war, wie man mir sagte, Perlmutt und kam aus dem tiefen Meer. Aber nicht genug, das Heft hatte noch einen anderen Schmuck und es war eine Anspielung auf die Geschichte, deren wegen ich solange kein Messer haben sollte: Ein Vöglein war darauf gemalt. - Ich atmete tief auf, ich hatte kein Wort - ein Freudenrausch benahm mir die Gedanken. Als ich aufblickte, war ein leerer Raum zwischen mir und Vroni entstanden; ihr Auge ruhte mit innigem fragenden Blick auf mir. - Jetzt begriff ich alles! - Also darum hatte sie mich nicht geweckt? Sie wollte heimlich das Messer ins Brot backen und mir die große Überraschung und Freude bereiten. Waren es nicht die Engel, welche mit ihren goldenen Flügeln an der Spitze des Baumes rauschten und mir das in die Seele gaben? Ich flog stürmisch auf meine Vroni zu, fiel ihr um den Hals, küsste sie, und wir lachten beide unter Tränen. Nun holte ich die zwei Hälften meines Laibes, fügte sie zusammen und rief: "Er ist ja noch gar nicht angeschnitten! Vroni, schneid das Gipfelchen, aber ein großes, herab!" Und dies tat sie auch! -
Jetzt erst war für mich die echte Weihnachtsseligkeit gekommen, und nun war mir, als sängen die Engel: "Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind." Der Abend verstrich heiter wie noch nie zuvor ein Weihnachtsabend. Ach! es war der letzte im Vaterhause! Im Frühling darauf erlosch das hellste Licht, welches einem Kinde leuchten kann auf dem Lebenswege: das Lebenslicht in den Augen des Vaters. - Viele, viele Jahre sind inzwischen verflossen. Wieder ist es Weihnacht; Vater, Mutter und Bruder feiern sie im Himmel, nur Sophie und Vroni leben noch.
Indem ich diese niederschreibe, klopft es an meine Türe. Herein tritt der Postbote und bringt mir einen großen runden Pack. Hastig reiße ich die Umhüllung hinweg, obwohl ich den Inhalt bereits kenne. Da liegt ein Hutzellaib, die alljährliche Weihnachtsgabe unserer nunmehr alten Vroni und dabei ein Zettelchen: "Zur Erinnerung an die Kindheit und das Vaterhaus."
Segen über sie und alle treuen Herzen gleich dem ihrigen! Autor: Isabella Braun
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext zur Autorin
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Isabella Brauns Erzählung "Aus der Weihnachtszeit" ist weit mehr als eine nostalgische Kindheitserinnerung. Sie zeichnet ein feines Porträt kindlicher Psychologie, in dem sich Unschuld, unbeirrbarer Glaube und die schmerzhafte Erfahrung von Enttäuschung und Versöhnung abwechseln. Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin, deren gesamtes Weihnachtsglück auf einen einzigen, tief empfundenen Wunsch reduziert ist: ein Messerchen. Diese Fokussierung symbolisiert kindliche Sehnsucht in ihrer reinsten und intensivsten Form. Die wiederholten, immer perfekter geschriebenen Wunschzettelchen sind dabei nicht Ausdruck von Gier, sondern ein frommes Ritual, eine Kommunikation mit dem Überirdischen, bei der die äußere Form der inneren Haltung entsprechen muss.
Die Handlung erhält ihre Spannung durch den scheinbaren Verrat der geliebten Kinderfrau Vroni, die das Mädchen nicht zum traditionellen Brotbacken weckt. Dieser Konflikt enthüllt die ganze Heftigkeit kindlicher Gefühle. Der Groll der Erzählerin ist so tief, dass er sogar den heiligen Weihnachtsabend zu trüben droht. Die symbolträchtige Geste, mit dem Hutzelbrot die Freundschaft zu bekunden oder zu kündigen, wird hier zur dramatischen Zuspitzung genutzt. Die Entscheidung, die verpönte Marxen-Marei den Laib anschneiden zu lassen, ist ein Akt der Rebellion und Rache, der die feste soziale Ordnung der Kindheit durchbricht.
Die überraschende Auflösung – das im Brot versteckte, wunderschöne Messer mit der liebevollen Widmung Vronis – ist der eigentliche Kern der Geschichte. Sie lehrt eine doppelte Lektion: Erstens ist äußere Erscheinung oft trügerisch, und was wie Betrug aussieht, kann in Wahrheit die größte Liebe und Fürsorge sein. Zweitens findet wahre Weihnachtsseligkeit nicht in der bloßen Erfüllung von Materiellem statt, sondern in der wiederhergestellten Beziehung, in der Vergebung und der tiefen Freude über eine unerwartete, persönliche Gabe. Der epilogartige Schluss, in dem die erwachsene Erzählerin alljährlich das Hutzelbrot von der alten Vroni erhält, verankert diese Botschaft der Treue und lebenslangen Verbundenheit im Alltag und macht sie zu einem zeitlosen Geschenk.
Biografischer Kontext zur Autorin
Isabella Braun (1815-1886) war eine bedeutende deutsche Jugendbuchautorin des 19. Jahrhunderts und kann als eine Pionierin der realistischen Kindergeschichte im deutschsprachigen Raum gelten. Anders als viele ihrer Zeitgenossen, die oft moralisierend und belehrend schrieben, strebte Braun nach einer natürlichen, gefühlvollen und lebensnahen Darstellung der Kinderwelt. Ihre eigenen Erfahrungen aus einer großen Familie im ländlich-schwäbischen Milieu (sie wurde in Biberach an der Riß geboren) flossen direkt in ihre Werke ein. Die hier vorliegende Geschichte atmet diesen authentischen Geist; die detaillierten Schilderungen der Weihnachtsbräuche, der dörflichen Hierarchien und der Familienrituale sind weniger erfunden als vielmehr erinnert.
Braun war zudem eine der ersten Frauen, die erfolgreich und professionell als Schriftstellerin arbeitete. Ihr umfangreiches Werk, zu dem auch die populäre Sammlung "Aus der Kinderwelt" gehört, prägte Generationen von jungen Lesern. Ihr Stil verbindet eine klare, bildhafte Sprache mit psychologischem Feingefühl für die inneren Konflikte und Freuden von Kindern. Die historische Bedeutung Isabellas Brauns liegt genau in dieser Fähigkeit, die Welt konsequent aus der Perspektive des Kindes zu sehen, ohne sie zu verniedlichen oder zu idealisieren. "Aus der Weihnachtszeit" ist somit nicht nur eine schöne Geschichte, sondern auch ein literaturgeschichtliches Zeugnis für den Beginn einer empathischen Kinder- und Jugendliteratur.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Geschichte erzeugt eine außergewöhnlich dichte und vielschichtige Stimmung. Sie beginnt in einer behaglichen, traulichen Atmosphäre des Spätherbstabends, eingeschlossen im warmen Licht der Lampe, umgeben von der vertrauten Familie. Diese Geborgenheit wird durchzogen von der elektrisierenden Vorfreude auf Weihnachten, die jedes Kinderherz schneller schlagen lässt. Braun meistert es, dieses pochende, fast körperlich spürbare Warten auf das Fest und das Christkind einfühlsam einzufangen.
Dann schlägt die Stimmung um in bittere Enttäuschung und kindlichen, hartnäckigen Groll. Die Leserspannung steigt, als die Erzählerin sich von Vroni abwendet und die Weihnachtsvorbereitungen unter diesem emotionalen Schatten stehen. Der eigentliche Weihnachtsabend bringt zunächst eine überwältigende, fast heilige Stimmung der Andacht, des Lichterglanzes und der familiären Einheit. Selbst die erneute Enttäuschung über das fehlende Messer wird in diesem "Geist Gottes" zunächst überwunden. Der dramatische Höhepunkt, die bewusste Kränkung Vronis, ist von beklemmender Spannung und der düsteren Macht des Zorns geprägt.
Die finale Enthüllung und Versöhnung löst all diese Spannungen in einem überwältigenden Gefühl der Rührung, Freude und reinen Seligkeit auf. Die Geschichte endet in einer wehmütig-verklärten Stimmung der Erinnerung, die die vergangene Kindheitsfreude mit der dankbaren Verbundenheit der Gegenwart verwebt. Es ist diese emotionale Bandbreite – von trauter Geborgenheit über schmerzhafte Verwirrung bis hin zu beglückender Erlösung –, die die Erzählung so mitreißend und berührend macht.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Obwohl die Geschichte im 19. Jahrhundert spielt und historische Bräuche wie das Hutzelbrot oder das Verschicken von Wunschzetteln ins Freie beschreibt, sind ihre zentralen Themen von zeitloser und höchst aktueller Relevanz. Im Kern handelt sie von der Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen, von Missverständnissen und der Kunst der Versöhnung. In einer Zeit, in der Kommunikation oft oberflächlich und schnelllebig ist, erinnert uns die Erzählung daran, dass hinter einem vermeintlichen Fehlverhalten oft eine gute Absicht stecken kann – eine Lektion, die in Freundschaft, Familie und Partnerschaft immer gültig ist.
Die Geschichte wirft auch Fragen nach dem Wesen echter Geschenke auf. In einer konsumorientierten Welt stellt sie die tiefere Bedeutung in den Vordergrund: Das wertvollste Geschenk ist nicht das teuerste, sondern das durchdachteste, das persönlichste, das mit Liebe und Verständnis für den Wunsch des anderen ausgewählte. Das Messer ist nicht irgendein Messer, es ist ein Symbol für verstanden werden und für Vertrauen (das Vöglein als Hinweis auf den vergangenen Fehler). Zudem thematisiert die Erzählung den Umgang mit Enttäuschung und die Gefahr, vorschnell zu urteilen – psychologische Dynamiken, die jedes Kind und jeder Erwachsene kennt. Die Figur der Marxen-Marei lädt sogar zu einer Reflexion über soziale Vorurteile und den Wert von Menschen ein, die nicht den konventionellen Erwartungen entsprechen. Damit ist die Geschichte eine Fundgrube für Gespräche über Emotionen, Moral und zwischenmenschliches Miteinander.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist die Geschichte im mittleren bis anspruchsvollen Bereich einzuordnen. Sie ist in einem klaren, aber durchaus elaborierten Deutsch des 19. Jahrhunderts verfasst. Der Satzbau ist oft komplex und verschachtelt, was dem erzählerischen Fluss und der detailreichen Beschreibung dient. Es finden sich veraltete Begriffe wie "Hutzelbrot", "Schäfflein" oder "Tagelöhnerin", die jedoch aus dem Kontext gut verständlich werden oder in einer annotierten Version erklärt werden können.
Die Herausforderung liegt weniger im Vokabular an sich, als in der Länge der Sätze und der nuancenreichen Darstellung innerer Gefühlswelten. Die Geschichte verlangt ein gewisses Maß an Konzentration und Leseverständnis, um den emotionalen Wendungen folgen zu können. Sie ist damit kein einfacher "Vorlese-Schnellschuss", sondern ein Text, der Hingabe und Aufmerksamkeit belohnt. Für geübte Leser ab etwa 12 Jahren ist sie gut zu bewältigen, zum Vorlesen und gemeinsamen Besprechen eignet sie sich bereits für etwas jüngere, aufmerksame Zuhörer.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte ist das perfekte literarische Begleiterstück für die gesamte Advents- und Weihnachtszeit. Sie passt hervorragend:
- Als adventliche Vorlesegeschichte in der Familie, vielleicht an einem ruhigen Adventssonntag, um gemeinsam in Weihnachtsstimmung zu kommen.
- Für den Deutsch- oder Religionsunterricht in der Schule, um historische Weihnachtsbräuche, literarische Analyse oder ethische Fragen (Vergebung, Enttäuschung) zu behandeln.
- Als Beitrag in einem Weihnachtsgottesdienst oder einer Adventsandacht, da die spirituelle Dimension des Festes (Glaube, Versöhnung, "Friede auf Erden") klar herausgearbeitet ist.
- Für einen literarischen Weihnachtsabend im Freundes- oder Familienkreis, bei dem klassische Geschichten gelesen und besprochen werden.
- Als persönliche Lektüre in der stillen Zeit zwischen den Jahren, um innezuhalten und über die tieferen Werte des Festes nachzudenken.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte besitzt eine seltene Mehrstufigkeit, die sie für unterschiedliche Altersgruppen attraktiv macht. Zum Vorlesen und mit Erklärungen zu historischen Begriffen ist sie für aufmerksame Kinder ab etwa 8 oder 9 Jahren geeignet. Die emotionale Thematik von Enttäuschung und Versöhnung ist in diesem Alter bereits gut nachvollziehbar.
Ihre ideale Zielgruppe sind jedoch Jugendliche ab 12 Jahren und Erwachsene. Junge Heranwachsende können die psychologische Tiefe und den inneren Konflikt der Ich-Erzählerin besonders intensiv nachempfinden. Für erwachsene Leser entfaltet die Geschichte ihren ganzen Zauber der Nostalgie und die weise, rückblickende Perspektive auf die Kindheit. Die Reflexion über Treue, Verlust und die bleibende Bedeutung von Heimat und Familie spricht Leser jeden Alters an, die eine literarisch anspruchsvolle und gefühlvolle Weihnachtserzählung schätzen.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Erzählung ist weniger geeignet für sehr junge Kinder im Vorschul- oder frühen Grundschulalter. Die lange Erzählstruktur, die komplexen Sätze und die subtilen emotionalen Wendungen würden ihre Aufmerksamkeit und ihr Verständnis wahrscheinlich überfordern. Auch Leser, die eine actionreiche, schnelle oder humorvolle Weihnachtsgeschichte suchen, werden hier nicht fündig. "Aus der Weihnachtszeit" ist eine ruhige, charakter- und stimmungsgetriebene Erzählung, die Geduld und Einfühlungsvermögen verlangt.
Menschen, die mit stark regional oder historisch gefärbten Begriffen gar nichts anfangen können und keine Lust haben, sich auf eine andere Zeit einzulassen, könnten sich vielleicht etwas verloren fühlen. Doch gerade diese authentischen Details sind es, die den besonderen Charme und den bildhaften Reiz der Geschichte ausmachen und sie zu einem wertvollen Kulturgut machen. Für einen reinen Unterhaltungsleser, der eine leichte, moderne Weihnachtskomödie sucht, ist Isabella Brauns Werk sicherlich die falsche Wahl.
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