Was der Weihnachtsmann allen fleißigen und artigen Kindern verspricht

Kategorie: Weihnachtsgeschichten für Kinder

Was der Weihnachtsmann allen fleißigen und artigen Kindern verspricht
Hört, ihr lieben Kinder, recht aufmerksam zu! Ihr wißt alle, welch froher Zeit wir entgegensehen.

Nur wenig Wochen noch, und der herrliche Weihnachtsabend ist wieder da! Nicht wahr, das ist der schönste Abend im ganzen Jahr?

Wißt ihr kleinen Schelme aber auch, was der liebe, heilige Christ von euch verlangt, wenn er euch recht viele schöne Spielsachen bringen soll und alles, was euer kleines Herz erfreut?

Der liebe Gott will, daß ihr euch so vieler Güte wert macht, stets fleißig und folgsam euren lieben Eltern und Lehrern seid, und diese nie durch Unart und Trägheit erzürnt. Er verlangt ferner, daß ihr eure kleinen Herzen reinhaltet von jeder geheimen Sünde. Nie sollt ihr es vergessen, wenn ihr unrecht denkt oder handelt, daß der Vater im Himmel überall ist und alles weiß und sieht. Der liebe Gott kennt eure geheimsten Gedanken, ihn, der euch allezeit beschützt, werdet ihr auch gewiß nie erzürnen und betrüben wollen. Ihr werdet euch immer redlich Mühe geben, recht brav und fleißig zu Hause und in der Schule zu sein. Ihr wißt ja, wie gut eure Eltern und Lehrer zu euch sind, und wieviel Geduld diese mit euch haben. Ihr habt gewiß auch den besten Willen, ihnen recht viele Freude zu machen.

Wenn ihr gute Kinder seid, so hört denn nun auch, was euer aller Freund, der Weihnachtsmann, euch verspricht. Wenn der Schnee auch noch so hohe Berge zusammentreibt, so will er sich doch durcharbeiten, um euch einen prächtigen Weihnachtsbaum mit vielen Lichten, Marzipan und vergoldeten Äpfeln und Nüssen zu bringen. Er verspricht euch schöne Spielsachen und auch Bücher, aus denen ihr lernen sollt, damit ihr kluge und gute

Menschen werdet. Alles will der liebe, heilige Christ euch bringen, was euch Freude macht. Von ferne will er dann hören, –denn sehen läßt er sich nun einmal nicht –ob ihr eure Weihnachtsgedichte recht schön gelernt habt: ob ihr Geschwister auch recht verträglich und gefällig miteinander seid; ob ihr alle Gaben recht in Ehren haltet und diese ordentlich verwahrt, oder es macht wie unartige Kinder, die alles umherwerfen und entzweimachen.

Ich kenne ein kleines Mädchen, welches einst eine Arche Noah bekam, und denkt euch, schon am Christabend drehte sie den kleinen Holzfrauen und -männchen die Köpfe ab!

Was meint ihr wohl, was da der Weihnachtsmann tat? –Alles hat er fortgeholt. Als das kleine Mädchen am anderen Morgen aufwachte, waren alle die schönen Sachen verschwunden. –Seht ihr, so geht es, wenn man die hübschen Geschenke zerstört. Später hat die Kleine so etwas nie wieder versucht, sie wurde sogar sehr ordentlich. Darum entging sie auch ferner solcher Strafe und hatte nie wieder einen so traurigen Weihnachtsmorgen zu erleben. –

So, meine lieben Kinderchen, nun habe ich euch genug von dem guten Weihnachtsmann erzählt. Empfangt ihn nun mit Jubel in eurem Hause und in eurem Herzen! Freut euch recht sehr und springt lustig und glücklich herum. Laßt euch alle Näschereien wohlschmecken und gut bekommen. Träumt die ganze Nacht von allen Herrlichkeiten und erwacht am Morgen zu neuer Wonne und frohem Spiel!

Lebt nun alle wohl und beherzigt, was ich euch gesagt habe, damit es immer nur frohe Weihnachtsabende bei euch gibt. –

Nehmt noch einen herzlichen Gruß; der liebe Gott schütze und leite euch auch im neuen Jahr mit seiner Gnade und seiner Vatertreue!

Autor: Louise Anklam

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Die Geschichte "Was der Weihnachtsmann allen fleißigen und artigen Kindern verspricht" von Louise Anklam ist weit mehr als eine einfache Weihnachtserzählung. Sie fungiert als pädagogisches Instrument, das die moralischen Erwartungen der damaligen Zeit an Kinder spiegelt. Im Kern steht ein klarer Tauschhandel: Gaben werden nicht bedingungslos geschenkt, sondern müssen durch gutes Betragen verdient werden. Die Erzählung verbindet geschickt die weltliche Figur des Weihnachtsmanns mit religiösen Werten. Der "liebe, heilige Christ" und "der Vater im Himmel" werden als allwissende Instanzen dargestellt, die sogar die geheimsten Gedanken der Kinder kennen. Diese ständige Überwachung soll zu innerer Disziplin führen. Die drastische Anekdote vom Mädchen, das seine Spielzeugfiguren zerstört und dafür alle Geschenke verliert, dient als abschreckendes Beispiel. Sie unterstreicht den lehrhaften Charakter der Geschichte, die nicht nur Vorfreude wecken, sondern auch Verhaltensregeln vermitteln will. Interessant ist der ambivalente Charakter des Weihnachtsmanns: Er ist der "aller Freund", der durch Schneeberge kämpft, agiert aber auch als strafende Autorität, die Gaben wieder entzieht. Die Geschichte endet mit einer versöhnlichen, fröhlichen Vision für diejenigen, die die Regeln befolgen.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Erzählung erzeugt eine gemischte, spannungsvolle Stimmung. Einerseits weckt sie mit Bildern vom "prächtigen Weihnachtsbaum", "vielen Lichten" und "Marzipan" eine warme, festliche Vorfreude. Die direkte Ansprache ("Hört, ihr lieben Kinder") und die Verheißungen schaffen eine einladende und vertrauliche Atmosphäre. Andererseits liegt über dem Text ein deutlicher Unterton der Ermahnung und Drohung. Die Betonung von Gehorsam, Fleiß und der allgegenwärtigen Beobachtung durch Gott erzeugt ein Gefühl der behüteten, aber auch überwachten Kindheit. Die Stimmung oszilliert somit zwischen verheißungsvoller Weihnachtsmagie und moralischem Ernst. Die warnende Geschichte vom bestraften Mädchen bringt einen Moment der Beunruhigung und Furcht hinein, bevor der Schluss wieder in einen versöhnlichen, jubelnden Tonfall mündet. Insgesamt ist die Stimmung lehrreich-behütend, weniger unbeschwert-verspielt.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Die Geschichte ist in ihrer ursprünglichen pädagogischen Ausrichtung nicht mehr uneingeschränkt zeitgemäß. Der stark belehrende Ton, die Betonung von unbedingtem Gehorsam und die Vorstellung einer strafenden Überwachungsinstanz entsprechen nicht mehr dem heutigen, eher kindzentrierten und partizipativen Erziehungsverständnis. Die Idee, Liebe und Gaben an Bedingungen zu knüpfen, wird heute kritisch gesehen. Dennoch lassen sich moderne Parallelen ziehen. Die Grundfrage, wie man Kindern Werte wie Dankbarkeit, Respekt vor Besitz und Rücksichtnahme vermittelt, ist nach wie vor aktuell. Die Geschichte kann als historisches Dokument gelesen werden, das zeigt, wie sich Erziehungsvorstellungen gewandelt haben. Sie wirft Fragen auf, die heute noch diskutiert werden: Soll Belohnung an Leistung geknüpft sein? Wie viel Lenkung ist in der Erziehung nötig? Als nostalgisches Zeitdokument und als Ausgangspunkt für Gespräche über Traditionen und Werte hat sie durchaus ihre Relevanz.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist die Geschichte im mittleren Schwierigkeitsgrad einzuordnen. Der Satzbau ist teilweise komplex und verschachtelt, mit vielen Nebensätzen ("Wenn ihr gute Kinder seid, so hört denn nun auch, was euer aller Freund..."). Der Wortschatz enthält veraltete oder heute weniger gebräuchliche Begriffe wie "Schelme", "redlich Mühe geben", "in Ehren halten" oder "Vatertreue". Auch die direkte religiöse Sprache ("geheime Sünde", "heilige Christ", "Gnade") könnte für ungeübte Leser erklärungsbedürftig sein. Die Geschichte ist nicht in einfacher, moderner Umgangssprache verfasst, sondern in einem gehobeneren, erzählerischen Stil des 19. Jahrhunderts. Für Kinder erfordert sie daher oft eine begleitende Erklärung durch Erwachsene. Für geübte Leser oder im Vorlesekontext ist sie jedoch gut verständlich und bietet einen schönen Einblick in eine historische Sprachwelt.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte eignet sich vor allem für besinnliche Vorlesemomente in der Adventszeit, die über die reine Unterhaltung hinausgehen. Ideal ist sie für einen ruhigen Familienabend, an dem man über die Bedeutung von Weihnachten, über Traditionen und über Werte wie Dankbarkeit und Achtsamkeit sprechen möchte. Sie passt auch gut in einen pädagogischen Kontext, beispielsweise im Religions- oder Ethikunterricht oder in der Gemeindearbeit, um historische Weihnachtsbräuche und Erziehungsvorstellungen zu thematisieren. Aufgrund ihres belehrenden Charakters ist sie weniger geeignet für eine rein lustige, heitere Weihnachtsfeier, sondern eher für einen nachdenklichen und reflektierenden Rahmen. Sie kann auch als Ausgangspunkt für ein Gespräch zwischen Generationen dienen: "Wie war Weihnachten früher? Was hat sich verändert?"

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Primär spricht die Geschichte mit ihrer direkten Anrede "ihr lieben Kinder" Kinder im mittleren Grundschulalter (etwa 6 bis 10 Jahre) an. In diesem Alter können Kinder die grundlegende Botschaft von Belohnung und Konsequenz verstehen. Für jüngere Kinder sind die langen Sätze und der moralische Unterton wahrscheinlich noch zu anspruchsvoll und möglicherweise beängstigend, insbesondere die Episode mit der Bestrafung. Ältere Kinder und Jugendliche können die Geschichte hingegen bereits aus einer distanzierteren, historisch-kritischen Perspektive betrachten und sie als Zeugnis einer vergangenen Zeit analysieren. Damit eignet sie sich auch für interessierte erwachsene Leser, die sich für kulturhistorische Aspekte des Weihnachtsfestes begeistern.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Die Geschichte eignet sich weniger für Menschen, die eine unbeschwerte, rein freudige und magische Weihnachtserzählung suchen. Wer den Fokus auf bedingungslose Bescherung, Wunder und Nächstenliebe ohne explizite Strafandrohung legt, könnte von dem pädagogisch-strengen Ton abgeschreckt sein. Sie ist auch weniger passend für sehr junge, sensible Kinder, die die drastische Schilderung der entzogenen Geschenke als beunruhigend oder angstauslösend empfinden könnten. Für moderne Erziehungsansätze, die auf positive Verstärkung und eigenverantwortliches Lernen setzen und autoritäre Strafen ablehnen, bietet der Text wenig Anknüpfungspunkte. Zudem ist die Geschichte für einen schnellen, unterhaltsamen Leseimpuls aufgrund ihrer Länge und ihres anspruchsvollen Sprachduktus nicht ideal.

Mehr Weihnachtsgeschichten für Kinder