Die Roratemesse

Die Roratemesse
Der letzte Sonntag im Advent hat nach altkirchlicher Benennung den Namen Rorate, Tauet! Dieser Name rührt vom Introitus diese Tages her, der, wie auch der Introitus des vorhergegangenen Quatembermittwochs, aus dem Propheten Jsaias genommen ist und heißt: "Tauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab! Öffne dich, Erde, und sprosse uns den Erlöser hervor!" Es ist der höchste Ausdruck der Sehnsucht nach einem Erlöser. Die Himmel sollen sich aufreißen und den Gerechten und Gerechtmachenden herabtauen, die Wolken sollen ihn herabregnen, die Erde soll sich auftun, um ihn hervorzusprossen. Dieser Gedanke und mit ihm die gleiche Sehnsucht kommt zum Ausdruck in der Roratemesse der heiligen Adventzeit:
Noch ist es Nacht, da schon die Hausmütter und Hausväter beim großen Zeichen der Kirchenglocke sich vom Lager erheben, die Lichter anzünden und das übrige Haus wecken. Gern und willig folgen der ermunternden Mahnung alle, denn sie alle wissen, warum. Nach und nach erhellen sich alle Wohnungen, und an jene, welche sich nicht erleuchten wollen, weil ihre Bewohner im Schlaf die Glocken nicht gehört haben, wird vom freundlichen Nachbar geklopft, dem sofort herzlich gedankt wird. Aber nach und nach erlöschen die Lichter wieder, denn das zur kirchlichen Feier bestimmte Gewand ist angezogen. Man verlässt die Häuser und geht zur Kirche, von der das mahnende Zeichen von neuem gegeben worden ist. Es ist kalt. Den Weg zur Kirche erhellt der Mond und der Sternenhimmel, der klar herunterschaut. Ist es aber dunkel, weil weder Mond noch Sterne scheinen, so müssen die Laternen leuchten, die jede Familie bei sich trägt. Freundlich grüßen sich die Nachbarn, die zusammengehen; die Schar auf dem Kirchgang wächst mit jedem Schritt.
So strömt es von allen Seiten dem Gotteshause zu, das vom Altar her mit wunderbarem Lichtglanz erhellt ist, ein Zeichen und ein Bild, wie Christus als Licht der Welt in die Nacht und Dunkelheit des Lebens hinein scheint. Dieser Glanz des Gotteshauses wird dadurch noch vermehrt, dass jeder für sich eine Wachskerze, einen Wachsstock anzündet und vor sich auf seinen Kirchstuhl stellt. So schimmern unendlich viele Lichter, und die Gemeinde erscheint in dieser Lichtfülle so recht als eine Familie. Nicht lange braucht man zu warten, bis der Priester an den Altar tritt. Und nun kann beim beginnenden Gottesdienst die Gemeinde sich nicht länger halten: tief und freudig bewegt lässt sie ihr Inneres ausströmen in den Gesang:

Tauet, Himmel, den Gerechten,
Wolken, regnet ihn herab!
Rief das Volk in bangen Nächten,
Dem Gott die Verheißung gab:
Einst den Mittler selbst zu sehen,
Und zum Himmel einzugehen;
Denn verschlossen war das Tor,
Bis der Heiland trat hervor.

Gott der Vater ließ sich rühren,
Dass er uns zu retten sann;
Und den Ratschluss auszuführen,
Trug der Sohn sich selber an.
Schnell flog Gabriel hernieder,
Brachte diese Antwort wieder:
Sieh, ich bin des Herren Magd,
Mir gescheh', wie Gott gesagt.

Da die Botschaft angekommen,
War Maria im Gebet.
Da das Wort Fleisch angenommen,
Ging sie zu Elisabeth.
Von dem Gruße ganz durchdrungen,
Ist Johannes aufgesprungen,
Der von Gott geheiligt war,
Eh' die Mutter ihn gebar.

Dieser ließ die Stimm' erschallen:
Sünder, wacht vom Schlummer auf!
Denn es naht die Zeit uns allen,
Hemmet euren Sündenlauf!
Brüder, lasst zu diesen Zeiten
Unser Herz zur Buß' bereiten;
Wandelt auf der Tugend Bahn,
Ziehet Jesum Christum an!

Lasst uns wie am Tage wandeln,
Nicht in Fraß und Tunkenheit;
Suchet, um gerecht zu handeln
Wahrheit, Fried und Einigkeit.
Jenem gänzlich nachzuarten,
Dessen Ankunft wir erwarten:
Dieses ist der Christen Pflicht,
Wie es der Apostel spricht.

Man muss einem solchen Gottesdienst beigewohnt haben, um die Gefühle ganz zu verstehen, die er aufweckt. Es kommt uns ein Gleichnis Jesu in den Sinn: die Parabel von den klugen und törichten Jungfrauen, die dem Bräutigam entgegengingen: Die versammelten Gläubigen haben sich nicht verspätet, früh und hell brennt das Öl in ihren Lampen, mit denen sie dem Erlöser entgegengehen.
Der Gottesdienst, die Roratemesse, verstärkt das Gefühl der Sehnsucht und Erwartung durch prophetische und evangelische Stellen, die sich auf das Nahen des Heilandes beziehen, nur immer mehr. Endlich entlässt der Priester die Gläubigen mit dem Segen des Allerheiligsten. Alle treten aus der Kirche, um in ihre Wohnungen zurückzukehren. Und oft, wenn sie das Gotteshaus verlassen, geht die Morgensonne des Advents auf, wie eine Verheißung des Allerhöchsten.

Autor: Franz Anton Staudenmaier

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