Weihnachten im Sommer
Kategorie: Christliche Weihnachtsgeschichten
Weihnachten im Sommer
Es ist ein strahlender Sommertag. Wir sind bei meinem Onkel Hermann in Weißenstein. Die Luft ist voll Rosen -, Lilien - und Lindenblütenduft. Wir sollen abends ein Kirchenkonzert für Onkels Arme geben. Die Tage sind voll wichtiger Vorbereitungen gewesen; Programme sind gemacht, Liedertexte umgedichtet, damit sie für die Kirche brauchbar sind. Her Kappel, der junge Orgelspieler, hat atemlos mit uns proben und arbeiten müssen.
Alles ist schön und festlich, nur liegt dieser Tage ein Streit zwischen mir und meinen beiden Vettern in der Luft. Sie haben mich und meine Freundin tief beleidigt durch ein Gedicht, worin sie unsere uns so heilige Freundschaft verspotteten. Das Gedicht schließt mit dem Refrain: "Zwei Paar Schuhe, Herzen: eins!"
Als es nun zur Generalprobe geht, hat unser Streit seinen Höhepunkt erreicht. Vetter Georg und Vetter Samuel, sonst so ritterlich und hilfsbereit, haben sich geweigert, meine Noten in die Probe zu tragen. Ich ziehe mit meiner Freundin Betty über den Marktplatz und sehe die Vettern Arm in Arm daherkommen. Mitten auf dem Marktplatz lege ich meine Mappe mit sämtlichen Noten auf das Pflaster und bedeute ihnen, sie mir nachzutragen. Pfeifend und lachend gehen sie vorüber. "Du bist verwöhnt!" sagen sie.
Ich gehe in die Kirche und setze mich auf die Orgelbank, die noten liegen mitten auf dem Marktplatz. Die beiden Sünder sitzen scheinheilig unten in der Kirche und rühren sich nicht, und die Probe soll beginnen, aber keiner weicht von seinem Platz. Ich kann unmöglich nachgeben, doch Herr Kappel bittet um die Noten.
"Meine Vettern werden sie gleich bringen", sagte ich.
Die Vettern haben alle ihre Aufmerksamkeit auf die Betrachtung des Altarbildes gewendet, als sähen sie es zum erstenmal, und blickten nicht hinauf zum Orgelchor.
"Herr Kappel", sage ich, "seien Sie so freundlich, gehen Sie zu meine Vettern hinunter und schicken Sie sie nach den Noten, sie wissen, wo sie sind!"
Herr Kappel kommt verlegen wieder herauf: "Sie weigern sich zu gehen", sagte er, "soll ich die Noten nicht selbst holen, wo sind sie?"
Ich kann doch unmöglich sagen: sie liegen auf dem Marktplatz.
"Auf keinen Fall, meine Vettern werden sie bestimmt holen", antwortete ich zuversichtlich.
Alles wartet auf den Beginn der Probe.
Meine Mutter kommt die Treppe herauf, die zum Chor führt. "Warum fangt ihr nicht an?" fragte sie. Als sie das Unglück mit den Noten erfährt, verlangt sie, ich solle sie selbst holen. Tief beleidigt in meiner jungen Künstlerwürde, muss ich mich so weit demütigen, dass ich die Mappe hole. Die Vettern haben sich nicht gerührt.
Nun ist seitdem trotz des festlichen Tages ein dauernder Kriegszustand zwischen uns erklärt, wir reden nicht miteinander. Ich sitze im Garten, der voll Sommerduft und Schwalbenschwirren ist. Seit Stunden sind die Vettern verschwunden, was werden sie sich ausgedacht haben? Es ist alles so geheimnisvoll im Hause. Eine große Überraschung nach dem Konzert scheint geplant zu werden. Ich darf den Saal nicht betrete, dessen Fensterläden nach der Straße geschlossen sind.
Die Stunde des Konzerts ist da. Onkel Hermann hat den ganzen Tag besonders schlau ausgesehen. "Wenn du schön singst", sagt er, "erlebst du heute etwas, was du noch nie erlebt hast."
Die Stadt ist voller Unruhe. Kleine landsche Equipagen rasseln durch die Straßen, große Kutschen kommen von den Gütern, fahren schwerfällig über das holprige Pflaster. Jeder aus dem kleine Stadtchen rüstet sich zum Konzert.
Ich gehe noch einmal durch den Garten an Onkels Arm, wir sind beide still.In mir singen und klingen schon all die Lieder aus dem Programm, und ein Gefühl von festlicher Freude erfüllt mich.
Da bricht Onkel das Schweigen: "Weißt du, dass du von Gott besonders begnadet bist, dass du singen kannst?" sagt er.
"Ja, ich weiß es".
"Dein ganzes Leben muss ein Dank dafür sein", sagt er, "vergiss es nicht."
Ich nehme seine alte liebe Hand in die meine und küsse sie. Dann gehen wir in die Kirche. Sie ist dicht gefüllt, Kopf an Kopf gedrängt sitzen die Zuhörer da; alles ist voll Andacht und Feierlichkeit. Ein Orgelpräludium braust durch den Raum, dann wird es still, und nun kommt meine Gesangsnummer.
Ich stehe oben und blicke über all die Menschen hinweg, ich sehe sie nicht! Gerade in den Himmel hinauf geht mein Blick, und nun erklingt eine Händel - Arie: "Gewähre, o Herr, dass an jenem Tag des Gerichts unser Herz gereinigt werde." Wie hell meine junge Stimme über den dunklen Akkorden schwebt, wie ahnungslos meine Lippen die angstvollen Worte sprechen: "Herr, erbarme dich, ach, erbarme dich über uns." - Das Konzert ist zu Ende. Als wir heimgehen, sind die Vettern von einer unbeschreiblichen Ritterlichkeit, nicht nur meine Noten wollen sie tragen, sie überbieten sich in ehrerbietigen Aufmerksamkeiten, der Friede ist geschlossen, das Kriegsbeil begraben. Aber ich darf nicht ins Haus, ich werde in die Küche gesperrt. Nun kommt Onkel, nimmt mich an der Hand und führt mich vor die verschlossene Tür des Saales. Er öffnet sie - mitten im verdunkelten Zimmer steht ein strahlender Weihnachtsbaum mit Lichtern geschmückt, und ein Chorgesang erklingt: "O du fröhliche, o du selige . . . "
Ja, es ist Weihnachten, mitten im Sommer. Onkel hält eine Rede: "Du sollst etwas Besonderes haben", sagt er, "denn du hast uns heute besonders froh gemacht mit deinem Singen. Zum wirkliche Weihnachtsfest im Winter konntest du ja nie hier sein, darum sollst du heute einen Weihnachtsbaum haben. Das hat der Heiland uns nicht verboten. Wenn wir uns nur in ihm freuen." Er nimmt mich an der Hand und führt mich zu einem Gabentisch. Jeder hat etwas geschenkt. Jubel und Lachen erfüllt den großen Raum, alles drängt sich um mich; jeder preist sein Geschenk, zeigt es, legt es mir besonders ans Herz. Von Onkel ist ein kleines Kästchen von Silberfiligran da, was er ein "Rokoko" nennt. Alles, was ihm in der Form irgendwie auffällt, nennt er "ein Rokoko".
Cousine Jenny schenkt mir einen goldenen Ring, sie ist manchmal etwas leichtsinnig.
"Sie hat ihn auf "Puff" genommen", schreit Vetter Georg, "ich weiß es ganz genau, denn sie hat gar kein Geld."
"Ja", bestätigt Jenny würdevoll und streckt mir den schmalen Reif an die Hand, "so ist es auch, das schadet aber dem Ring in keiner Weise."
Alles lacht.
"Nun, Jungens, setzt sie auf einen Stuhl und hebt sie hoch!" ruft Onkel Hermann. Von starken Armen werde ich auf meinem Stuhl emporgehoben.
"Hurra, hurra!" ruft alles, ich greife von meinem luftigen Sitz jubelnd nach den brennenden Lichtern am Weihnachtsbaum. Dann gehen wir in den Garten, die Linden blühen, die Rosen duften, die große Tafel zum Abendessen ist draußen gedeckt.
Onkel hält mich an der Hand. Wir blicken zusammen in die Sommerpracht, ich noch halb betäubt von dem, was ich eben erlebt.
"Wie reich sind wir", sagt Onkel, "alles können wir haben, denn alles ist unser, wenn wir nur immer Gottes sind und bleiben. Autor: Monika Hunnius
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext der Autorin
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Monika Hunnius erzählt hier keine klassische Weihnachtsgeschichte mit Schnee und Kälte, sondern entfaltet ein tiefes Verständnis des Weihnachtsgeistes jenseits der Jahreszeit. Im Zentrum steht die Verwandlung eines persönlichen Konflikts in versöhnliche Gemeinschaft. Der Streit zwischen der Ich-Erzählerin und ihren Vettern, der sich an einer Verletzung der "heiligen Freundschaft" entzündet, wird nicht einfach beigelegt, sondern durch eine gemeinsame künstlerische Leistung und eine überraschende Geste der Liebe überwunden. Der Weihnachtsbaum im Sommer wird so zum kraftvollen Symbol: Die Botschaft von Versöhnung, Freude und Beschenktwerden ist nicht an Dezember und Winter gebunden, sondern kann jederzeit Wirklichkeit werden, wenn Menschen sich füreinander öffnen. Onkel Hermanns Worte "Das hat der Heiland uns nicht verboten" unterstreichen diese befreiende Botschaft. Die Geschichte zeigt auch die Entwicklung der jungen Protagonistin, die zwischen kindlichem Trotz (die Noten auf dem Marktplatz) und erwachsener künstlerischer Hingabe (der ergreifende Gesang) schwankt und am Ende in den Kreis der Familie zurückfindet. Die scheinbar beiläufige Erwähnung, dass Cousine Jenny den Ring "auf Puff" (also auf Kredit) genommen hat, verankert das Wunder der Versöhnung zudem in einer sehr realen, liebevoll-unperfekten Welt.
Biografischer Kontext der Autorin
Monika Hunnius (1858-1934) war eine deutsch-baltische Schriftstellerin, die einen Großteil ihres Lebens im heutigen Estland verbrachte. Ihre Werke, oft autobiografisch geprägt, schildern detailreich das Leben des deutsch-baltischen Adels und Bürgertums im 19. Jahrhundert. Die hier vorliegende Erzählung "Weihnachten im Sommer" atmet den Geist dieser untergegangenen Welt: das kleine Städtchen, die engen familiären Bindungen, die Bedeutung von Musik und Hauskonzerten sowie die tiefe protestantische Frömmigkeit, die das tägliche Leben durchdringt. Hunnius schrieb aus einer Erinnerungskultur heraus, die Heimat, Glaube und Tradition als prägende Kräfte erlebte. Ihr Werk ist daher nicht nur literarisch, sondern auch kulturhistorisch wertvoll. Es bewahrt die Atmosphäre einer Zeit, in der Feste wie Weihnachten noch ganz im Kreise der Familie und Gemeinde, abseits kommerzieller Einflüsse, mit selbstgemachter Musik und persönlichen Gesten gefeiert wurden. Dieses authentische Zeitzeugnis verleiht der Geschichte eine besondere Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine einzigartige Mischung aus Stimmungen. Sie beginnt mit einer fast sinnlichen Sommerschwere, erfüllt von Rosen- und Lindenduft, die jedoch von der Spannung des Geschwisterstreits überschattet wird. Diese Spannung entlädt sich in der humorvoll-bitteren Szene auf dem Marktplatz, die von kindlichem Starrsinn geprägt ist. Mit dem Eintritt in die Kirche und dem Gesang der Händel-Arie wechselt die Stimmung abrupt zu feierlicher Andacht und ergreifender Schönheit. Der Höhepunkt ist dann das reine, überwältigende Staunen und die herzliche Freude, als der Weihnachtsbaum im verdunkelten Saal erstrahlt. Diese Freude ist nicht laut, sondern eine warme, dankbare und versöhnte Stimmung, getragen von familiärer Nähe und dem Gefühl, etwas Besonderes und Unerwartetes erlebt zu haben. Die abschließende Szene im blühenden Garten vereint schließlich die sommerliche Lebensfülle mit der inneren Wärme des Weihnachtswunders zu einem Gefühl des vollkommenen Reichtums und des Friedens.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Die Kernfragen der Geschichte sind heute so relevant wie damals. Sie handelt von der Verletzlichkeit junger Freundschaften, von familiären Konflikten und dem schwierigen Balanceakt zwischen Stolz und Versöhnung. Jeder kennt das Gefühl, sich ungerecht behandelt zu fühlen und nicht nachgeben zu wollen. Die Lösung, die die Geschichte zeigt – dass gemeinsames Schaffen (das Konzert) und eine überraschende Geste der Liebe (der Baum) Brücken bauen können – ist eine zeitlose Wahrheit. In einer Zeit, in der Familien oft verstreut leben und Weihnachten unter Termindruck stattfindet, erinnert die Erzählung daran, dass das Wesentliche von Weihnachten (Überraschung, uneigennützige Freude, Versöhnung) jederzeit und unabhängig von Äußerlichkeiten gefeiert werden kann. Onkel Hermanns Satz "Wie reich sind wir ... wenn wir nur immer Gottes sind und bleiben" wirft zudem eine tiefgreifende, moderne Frage nach den Quellen wahrhaftigen Reichtums und inneren Friedens in einer materialistischen Welt auf.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist die Geschichte im mittleren Schwierigkeitsgrad anzusiedeln. Der Satzbau ist klar und die Handlung linear erzählt, sodass der Text gut verfolgbar ist. Allerdings enthält er einige historische Begriffe ("landsche Equipagen", "Silberfiligran", "auf Puff nehmen") und eine altertümliche, teilweise geschraubte Ausdrucksweise ("bedeute ihnen", "junge Künstlerwürde"), die für junge oder ungeübte Leser Erklärungsbedarf schaffen können. Die eingeflochtenen religiösen und musikalischen Elemente setzen zudem ein gewisses kulturelles Grundverständnis voraus. Insgesamt ist die Sprache aber bildhaft und anschaulich, sodass die Stimmungen und Szenen trotz der leichten historischen Distanz gut nachvollziehbar bleiben.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte ist ein perfekter Begleiter für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit, besonders für einen gemütlichen Leseabend in der Familie. Sie eignet sich hervorragend, um in der Hektik der Vorweihnachtszeit inne zu halten und sich auf den eigentlichen Kern des Festes zu besinnen. Darüber hinaus ist sie eine schöne literarische Ergänzung für einen Sommerabend, um zu zeigen, dass weihnachtliche Gefühle nicht an eine Jahreszeit gebunden sind. Auch in einem Gottesdienst oder einer Andacht außerhalb der Weihnachtszeit kann sie als Impuls für eine Predigt über unerwartete Freude und Versöhnung dienen. Für Buchclubs oder literarische Kreise bietet sie zudem spannenden Diskussionsstoff über autobiografisches Schreiben und die deutsch-baltische Kultur.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Erzählung spricht am stärksten Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene an. Jugendliche können sich gut mit der emotionalen Welt der jungen Protagonistin identifizieren – ihren Gefühlen der Beleidigung, ihrem künstlerischen Ernst und ihrer Suche nach Anerkennung. Erwachsene Leser schätzen die nostalgische Atmosphäre, die feine Charakterzeichnung und die tieferen Lebensweisheiten, die Onkel Hermann vermittelt. Aufgrund der Länge und der teils anspruchsvolleren Sprache ist die Geschichte für jüngere Kinder unter 10 Jahren weniger geeignet, könnte ihnen aber in gekürzter und sprachlich vereinfachter Form als Gutenachtgeschichte vorgelesen werden, wobei der Fokus dann auf dem wunderbaren Sommer-Weihnachtsfest läge.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Leser, die actionreiche, schnelle oder humorvolle Weihnachtsgeschichten suchen, werden hier möglicherweise nicht voll auf ihre Kosten kommen. Die Erzählung lebt von der behutsamen Entfaltung von Stimmungen, inneren Konflikten und einer subtilen Moral. Wer mit stark religiösen Formulierungen ("der Heiland", "Gottes sein") nichts anfangen kann oder eine rein säkulare Weihnachtserzählung bevorzugt, könnte sich an einigen Passagen stoßen. Ebenso ist die Geschichte weniger für Menschen geeignet, die keine Geduld für historische Settings und eine etwas altertümliche Sprache haben. Sie verlangt dem Leser ein gewisses Maß an Einlassungsvermögen und Sensibilität für zwischenmenschliche Nuancen ab.