Eine Weihnachtsreise ins altpreußische Land

Kategorie: Adventsgeschichten

Eine Weihnachtsreise ins altpreußische Land
Da es in meiner Erinnerung Winter ist, so kommen mir Bilder von einer Winterreise, die ich vielleicht in meinem sechsten oder siebenten Jahre mit meinen Eltern zu den Großeltern mütterlicher Seite nach Altpreußen gemacht. Es waren wohlstehende, aber schlichte Bürgersleute, die ihre alten Tage mit einer unverheiratet gebliebene Tochter in einem Landstädtchen verlebten. Man muss so ein ostpreußisches Städtchen im Winter gesehen haben und an einem trüben Abende, nach weiter Reise durch eingeschneite Felder, Wälder und über gefrorene Seen; man muss da in eine Herberge hinein gefahren und über Nacht geblieben sein, um in der Seele zu begreifen, was es mit dem nordischen Kleinbürgerleben und mit der winterlichen Symbolik bereits in Ostpreußen so gut wie in Grönland zu bedeuten hat.
Von den Zurüstungen der Reise hab' ich nichts weiter behalten, als dass ich in ein altes Umschlagetuch der Mutter vom Kopf bis zu den Beinen und bis zum Ersticken fest gewickelt worden bin.
Um mich in der Stube stehen Kisten und Kasten; da nimmt mich eine polnische Magd in die Arme, um mich in den Schlitten zu tragen. Jählings abgerufen, wirft sie mich aber mitsamt meiner Emballage wieder zu dem übrigen Gepäck, so dass ich umfalle und mir bei der Arbeit des Aufrichtens das über den Kopf gezogene dicke Tuch auch über das Gesicht herab schlägt. Da mir nun beide Arme wie einem Wickelkinde beschnürt sind, so dass ich mir schlechterdings nicht helfen und nicht mal ein heiles Geschrei ausstoßen kann, so ist es mir fast Matthäi am letzten, als meine liebe Mama erscheint und mich befreit.
Unterwegs finde ich mich im Rücken der Eltern, unter einem fabelhaften Verdeck, und zwar mehr liegend als sitzend verpackt. Die liebe Mutter sagt dann von Zeit zu Zeit zum Vater: "Wenn der arme Junge nur gut Luft holen kann"; und dann fragt sie mich laut und ängstlich: "Jungchen, lebst du auch noch, mein Kind?" "I nein, nur ein bisschen." "Na, wickle dich nur recht fest ein und rühr' dich nicht viel, mein Kind."
Dann sagt wieder der Vater: "Na, na, ängstige dich nur nicht, liebe Frau, der ist ein knorriger Bengel und ein Unkraut obendrein; so eins verdirbt so bald nicht; wenn dir das Maul zugefroren ist, Junge, dann meld' es der Mama."
Dann wieder fahren wir bei einbrechendem Abende über einen großen gefrorenen See. Der Kutscher und der Vater gehen neben dem Schlitten her, und mich hat die Mama von hinten fort und auf den Schoß hervorgeholt, um mich, falls der Schlitten einbrechen möchte, gleich weit aufs feste Eis zu werfen, so denk ich es mir jetzt, und so hab' ich's wohl damals gefühlt.
Es geht alles ganz glücklich bis zum Ufer; da ist das eis mürber, die Pferde brechen ein, der Schlitten sinkt einen Augenblick ins Wasser, aber wir kommen doch mit vielem Geschrei und antreiben aufs Land und gleich darauf in einen "Krug" (Herberge). Die Mama und ich selbst, wir sind trocken; der Kutscher aber und der arme alte Papa sind pfütznass und die liebe Mama so erschrocken, dass sie dem Vater mit Tränen um den Hals fällt, der sie lachend beruhigt und mit lauter Stimme eine ganze Kasserolle voll Warmbier kommandiert.
Dann muss der wirt dem Vater die nassen Stiefel abziehen, und da dies nicht auf die gewöhnliche Weise gehen will, so hat sich der Mann mit dem Gesicht vom Vater abgekehrt und dieser ihm einen Fuß gegen den Rücken fest gestemmt, der Wirt aber den einen Stiefel fest n den Händen gehalten, bis er ihn richtig mit Gelächter herunterkriegt.
Am andern Tage fahren wir bei ganz gelindem Wetter und indem der Schnee wie in ganzen Lämmerfliesen herunterflockt, durch einen unermesslichen Föhrenwald, der in der Ostpreußen eine Heide genannt ist. Ich sitze, da weiter keine Gefahr mit Erfrieren vorhanden, ganz wohlgemut und munter zwischen den lieben Eltern.
Zwischen den Schneemassen blickt überall das herzerfrischende Weihnachtsgrün der Kiefern und Fichten hervor, die wie große heilige Christbäume zuhauf stehen. Ich empfinde und denke nichts weiter als die gleichmäßige stille und schnelle Bewegung des Schlittens; mir ist so reinlich, so säuberlich und dann wieder so mystisch, so verwandlungsvoll, so feierlich und weihnachtlich bis in die innerste Seele hinein, dass ich lauter Weihnachtsstimmung, also gar nicht bei ordinärem Menschenverstande bin. Mir ist vielmehr so märchenhaft, wie wenn die ganze Welt zu lauter Schnee und Weihnachten werden will; als wenn ich selbst ein warmes und leibhaftiges Schneewetter und Weihnachtswunder bin, in dessen heilige Stille das Schlittengeläute feierlich und wundersam hineintönt wie die Glocken des heiligen Christes, der die großen Menschenkinder im eingeschneiten Walddome zur Weihnachtsbescherung ruft. Damit sie nun nichts anderes hören, sehen und empfinden, so wird mit der jungfräulichen Unschuld der Mutter Maria und des Christkindes die schwarze, harte Menschensünde so zugedeckt, verwandelt, gereinigt und verträumt, wie der schwarze, hart gefrorene, von jedem Tritt widerhallende Erdboden weich und weiß mit Schnee überdeckt wird.
Und in solcher dicken Weihnachtsstimmung kommen wir zu dem Städtchen der Großeltern und durch das betürmte, in Ritterzeiten gebaute Tor.
Aber wenn das auch nicht gewesen wäre, so mussten wir doch alle von mancherlei Gefühlen bestürmt sein. Meiner Mutter Heimat und ihre Geburtsstätte umfingen und hier. Der Vater hatte hier um seine Lebensgefährtin gefreit, er hatte in diesem Städtchen viele Jahre in Garnison gestanden und hier seine Jugendzeit verlebt; ich selbst aber fuhr zum ersten Mal mit vollem Bewusstsein in die Stadt.
Wir schwiegen also alle mitsammen stille, aber die Eltern hielten sich bei den Händen, die Mutter brachte das Taschentuch an die Augen, und ich hatte nicht Augen und Sinne genug, um das zu bewältigen, was jeden Augenblick an Wundern zum Vorschein kommen oder vielmehr auf uns losstürmen musste. So stand's mit uns. Mein Vater suchte wohl seine Rührung hinter den Versen eines alten Soldatenliedes zu verbergen, von denen ich nur zwei Strophen behalten hatte, die er allemal rezitiert hat, wenn ihm so recht

behaglich oder wundersam zumute war. Mit tremolierender Stimme und halblaut sang der alte Herr vor sich hin:

"O wunderbares Glück,
kehr' noch einmal zurück!"

Aber ich habe die Ankunft und den Empfang im großelterlichen Hause vergessen. Ich war wohl zu schläfrig, oder von der Ofenwärme, wie von den großelterlichen Liebkosungen zu benommen, um heute noch was Rechtes davon zu wissen.
Man hatte mich in einem Oberstübchen zu Bette gebracht, und es geschah zum erstenmal, dass ich unter dem frommen Gesange des Nachtwächters einschlief, dessen zehnmaliges Pfeifen mir noch viel mehr zu schaffen gemacht hätte, wenn ich nicht so todmüde gewesen wäre.
Am andern morgen aber weckte mich die Reveille des Trompeters auf, den ich schon im Traume gehört. Es waren mir entzückende und unbegreifliche Töne, wie eines ungeheuren messingenen Hahns, und als sie unter dem Fenster erschallten, war es mir durchaus so, als kämen sie geradewegs zur Stube herein und als schmetterten und krähten sie mir das Weihnachtswunder in den Kopf.
Nachdem es wieder still geworden war, fühlte ich mich einen Augenblick wie berauscht und verwirrt.
Als ich mich aber ein wenig in meinen Bewußthaftigkeiten examiniert und zur süßen Gewohnheit des Daseins orientiert hatte, brachte ich zu meiner dreifachen Wonne ordentlich heraus: dass heute der erste heilige Christfeiertag, dass ich bei den Großeltern einlogiert und in einer wirklichen Stadt angelangt sei.
Als ich nun so mit urdeutscher Gründlichkeit innegeworden war, wo ich denn eigentlich befindlich und was mir alles in die nächste Aussicht gestellt sei, da zappelte mir mein armes Herzlein wie ein Lämmerschwänzlein in der Brust.
Die obwaltenden Finsternisse disharmonierten allzu dusterlich mit den hellen Lichtern in meiner Weihnacht feiernden Seele. Ich musste notwendig auch von draußen Licht haben, um die altpreußische Wunderstadt oder doch die großelterliche Schlafgelegenheit zu besehen. Ich musste mit der goldenen, herzigen Mama vom Trompeter plaudern und in der Geschwindigkeit so ein paar Dutzend Fragezeichen und Wunder vom Herzen loskriegen, bevor vielleicht der Papa und die halbe Welt dazwischen kam; denn lange ließ mich mein Erzeuger mit der all zu gütigen und zärtlichen Mama nie allein. Und doch wollte ich die liebe, gewiss auch müde gemachte Mutter nicht aus ihrem süßen Schlummer aufstören, darum hüstelte und rabastelte ich nur ein ganz klein wenig in meinem weichen Lagerchen, bis denn doch die wankelmütigen Bettpfosten so laut ächzten und meine redelüsternen Lippen so vernehmlich wisperten, dass die liebe Mama mit ihrer so sanften, zum Herzen schleichenden Stimme respondierte: "Na, mein Jungchen, du kannst wohl schon vor Freuden nicht länger schlafen."
Die Großeltern hielten einen Gewürz- und Kramladen von den Trümmern eines bedeutenden Geschäfts, das von Hause aus in Königsberg betrieben worden war. Aus jener goldnen oder silbernen Zeit hingen da noch im Laden einige Raritäten: eine Kokosnuss, ein Straußenei, vor allen Dingen aber ein Seeschiff und, was mir für das fabelhafteste galt, ein Krokodil. Die Mutter hatte an langen Herbstabenden von diesen Wundern in ihrer Eltern Laden mit derselben Miene wie von Märchenabenteuer erzählt, und jetzt stand ich auf einmal mitten unter diesen Herrlichkeiten, das heißt mitten im Kram.
Denn als wir zum Frühstück die Treppe herabkamen, wurden eben aus dem verschlossen gehaltenen Laden Rosinen und Mandeln und was sonst noch geholt. Sodann sah ich mit stieren Augen und mit allen meinen Sinnen in Wirklichkeit, was bis dahin nur in der Einbildungskraft gelebt.
Die Mutter wie der Ladenbursche vergnügten sich wohl an meiner Verwunderung und beleuchteten zunächst auf mein leises Befragen das viel besprochene Krokodil. Es hing schauerlich-schön überfirnißt und bestaubt von der Decke herab. Der halbgeöffnete Rachen zeigte die furchtbaren Zähne, und so fehlte es mir keineswegs an dem heiligen Respekt, mit welchem man Altertümer und Ungeheuer in Augenschein nehmen soll. Es waren, genau gezählt, nur die vier Raritäten; meine Sinne aber waren so berauscht und Wunder gebärend, dass ich in allen Schiebladen nichts als Krokodileier, Straußeneier, Kokosnüsse und kleine Seeschiffe sah.
Aus dem Wunderladen ging es nun zu den Großeltern in die große Putzstube mit einem kolossalen Fenster auf das Gehöft hinaus.
Auf dem großen Eichentische mit gewundenen Füßen stand nicht nur Kuchen und Kaffee bereit, sondern in einer blaugemusterten hohen Porzellankanne duftete eine Schokolade, von der die Mama noch aus dem Vaterhause her eine große Liebhaberin war. Mein Sinn und Geschmack aber schwamm in lauter Weihnachten und blieb demnach auf die Tür des letzten Hinterstübchens gerichtet, wo die liebe Großmama unter dem Beistand der alten Ladenjungfer mit Beschickung des heiligen Christes beschäftigt war.
Weihnachten hatte damals für alle Christenmenschen, gläubige wie ungläubige, in der Seele denselben Klang und Sang, denselben Schimmer und heiligen Schein. Kinderweihnachten zu beschreiben ist so unmöglich und so überflüssig, wie wenn einer seine Seele und sein Christentum oder sein Eingeweide wie einen Handschuh heraus wenden wollte. Ich mag also nur sagen, was eben die altpreußische Weihnacht Absonderliches mit sich geführt hat, und das war hauptsächlich ein Tannenbaum mitten aus der Heide, in eine große Bütte mit nassem Sande gepflanzt, so dass der goldenen Apfel auf der Spitze beinahe die Zimmerdecke anstieß. Dann ein neuer Zinnteller, so gleißend wie eitel Silber, auf dem die Thorner Pfefferkuchen, die Marzipanstücke, die Nüsse, die Rosinen und Mandeln und die roten Stettiner Äpfel lagen, und endlich eine Schachtel mit gedrechselten "Heiligenbeiler Spielsachen" von Wacholder, welches ein Geäder wie Zedernholz hat und dessen starker und ganz eigentümlicher Geruch mich heute noch, wo ich auf ihn treffe, ganz tiefsinnig und schwermütig macht.
Während nun Eltern und Großeltern zu ihrem Herrn und Heiland in der Kirche beteten und Buße taten, habe ich traum- und glückselig mit meiner Christbescherung gespielt. Und so geschah und geschieht es von Schrift wegen; denn der Heiland ist der älteste und echteste Kinderfreund, und da die Kinder nach seinem Ausspruche vom Christentume lebendig beseelt sind, so soll ihnen der Ernst und die Arbeit des Christentums noch ein Spiel und eine Glückseligkeit, ein Weihnachtshimmel auf dieser Erde sein.

Autor: Bogumil Goltz

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Bogumil Goltz' "Eine Weihnachtsreise ins altpreußische Land" ist weit mehr als nur eine nostalgische Kindheitserinnerung. Sie ist eine dicht gewobene literarische Erkundung der Weihnacht als existenzielle Erfahrung. Im Zentrum steht die Verwandlung der Welt durch die winterliche Reise und das Fest. Die anfängliche Bedrohung – das Ersticken in der Wickelung, die Gefahr des Einbrechens im Eis – wird überwunden und mündet in ein Gefühl absoluter Geborgenheit und mystischer Verzauberung. Der Wald verwandelt sich in einen "Walddome", das Schlittengeläut wird zu Christglocken, und der Erzähler fühlt sich selbst als Teil dieses "Weihnachtswunders". Goltz beschreibt hier die kindliche Fähigkeit, die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Selbst und Welt, aufzuheben. Die Weihnacht wird zur Kraft, die die "schwarze, harte Menschensünde" zudeckt und reinigt, so wie der Schnee die harte Erde. Die konkreten Details – das Krokodil im Laden, der Trompeter, der "Heiligenbeiler" Wacholder – sind keine bloßen Dekorationen, sondern Symbole für eine Welt, die im Kind noch voller Wunder und unmittelbarer Bedeutung ist. Die Geschichte endet mit einem bemerkenswerten theologischen Gedanken: Für die Kinder soll das Christentum noch "ein Spiel und eine Glückseligkeit" sein. Goltz feiert so die Weihnacht als ein Fest der unmittelbaren, sinnlichen und emotionalen Erfahrung, die dem rationalen "ordinären Menschenverstand" enthoben ist.

Biografischer Kontext des Autors

Bogumil Goltz (1801-1870) ist eine faszinierende und heute etwas vernachlässigte Figur im literarischen Vormärz. Der in Warschau geborene Schriftsteller verbrachte einen Großteil seines Lebens in Westpreußen und wurde bekannt für seine humoristischen, psychologischen und kulturphilosophischen Schriften. Sein Werk "Ein Jugendleben" (aus dem diese Erzählung stammt) und vor allem "Zur Charakteristik und Naturgeschichte der Frauen" machten ihn populär. Goltz war ein scharfer Beobachter des deutschen Bürgertums, ein Moralist mit einem melancholischen Unterton, der sich oft mit Kindheit, Alter und den Verlusten des modernen Lebens beschäftigte. Seine Prosa verbindet genaue Milieuschilderung mit einem poetisch-verträumten, manchmal schwermütigen Tonfall. Diese Erzählung ist typisch für ihn: Sie wurzelt tief in der regionalen Welt Ostpreußens, ist voller konkreter Sinneseindrücke, aber strebt immer auch nach einer allgemeingültigen, fast philosophischen Deutung des Erlebten. Das Wissen um Goltz' Hintergrund als Grenzgänger zwischen Polen und Deutschland und als Chronist einer untergehenden bürgerlichen Welt gibt der Geschichte eine zusätzliche Tiefe; sie ist nicht nur Weihnachtserinnerung, sondern auch ein literarisches Denkmal für eine verlorene Kulturlandschaft.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Geschichte erzeugt eine komplexe, vielschichtige Stimmung, die den Leser unmittelbar einfängt. Zunächst dominiert eine intensive, fast klaustrophobische Sinnlichkeit der winterlichen Kälte und der beengenden Wickelung, die aber von der elterlichen Fürsorge umrahmt ist. Daraus entwickelt sich ein starkes Gefühl der Abenteuerlichkeit und latenten Gefahr während der Schlittenfahrt über den See. Der Höhepunkt ist dann eine geradezu ekstatische Stimmung der Verzauberung: Eine tiefe, "feierliche und weihnachtliche" Ruhe, eine "märchenhafte" Verwandlung der gesamten Wahrnehmung. Goltz gelingt es, dieses Gefühl der kindlichen Verzückung und des absoluten Im-Moment-Seins sprachlich so dicht zu vermitteln, dass es ansteckend wirkt. Unter dieser hellen, glitzernden Oberfläche schwingt jedoch stets eine leise Melancholie mit – die Wehmut des erwachsenen Erzählers, der diese verlorene Intensität und die untergegangene altpreußische Welt beschwört. Es ist eine Stimmung aus Wunder, Geborgenheit und sanfter Schwermut.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Absolut. Zwar spielt sie in einer historisch fernen Welt ohne Elektrizität und Automobile, doch die zentralen Fragen und Gefühle sind hochaktuell. Die Geschichte thematisiert die Sehnsucht nach Entschleunigung und echter, unvermittelter Erfahrung in einer hektischen Welt – ein Gefühl, das viele heute besonders in der Weihnachtszeit suchen. Sie handelt von der Bedeutung von Familie, Heimat und Tradition, aber auch vom schmerzhaften Bewusstsein des Verlusts (von Orten, Menschen, Kindheit). Die kindliche Perspektive erinnert uns daran, wie wichtig es ist, die Welt mit Staunen und Neugier zu betrachten, jenseits von Konsum und Termindruck. Moderne Parallelen lassen sich zur "Hygg e"-Bewegung oder zum Wunsch nach analogen, sinnlichen Erlebnissen ziehen. Die Erzählung wirft die immer gültige Frage auf: Wie können wir in unserer komplexen, manchmal harten Welt Momente der reinen Freude, der Verwandlung und der geistigen Erhebung finden? Goltz' Antwort – in der Hingabe an den Augenblick, in der Gemeinschaft und im kindlichen Gemüt – hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Die Geschichte ist sprachlich anspruchsvoll. Goltz verwendet einen elaborierten, manchmal verschachtelten Satzbau, der dem 19. Jahrhundert entspricht. Sein Wortschatz ist reich und enthält veraltete oder regionale Begriffe ("Emballage", "Krug", "Heiligenbeiler"). Die poetischen, metaphorischen Passagen erfordern ein genaues Lesen und Mitdenken. Es ist keine leichte Lektüre für zwischendurch, sondern eine, die Konzentration und Muße verlangt. Der Text eignet sich daher nicht für sehr junge oder ungeübte Leser, sondern entfaltet seinen ganzen Zauber erst für jemanden, der Freude an einer bildreichen, gedankentiefen und stilistisch ausgefeilten Prosa hat. Die Herausforderung liegt weniger im Verständnis der Handlung als im Nachvollziehen der subtilen Stimmungen und philosophischen Untertöne.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Erzählung ist das perfekte literarische Begleitstück für die stille, besinnliche Zeit im Advent, besonders für den Heiligen Abend oder die Tage zwischen den Jahren. Sie eignet sich hervorragend für ein ruhiges Vorlesen im Familienkreis bei Kerzenschein, wenn Erwachsene und ältere Kinder gemeinsam in eine andere Welt eintauchen möchten. Auch für literarische Weihnachtsfeiern, Lesekreise oder als anregende Lektüre für alleinige Besinnungsmomente ist sie ideal. Weil sie so tiefgründig ist, kann sie auch als Diskussionsgrundlage dienen – über Kindheit, Heimat oder die eigentliche Bedeutung des Weihnachtsfestes jenseits des Kommerzes.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Primär richtet sich die Geschichte an Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren. Die komplexe Sprache und die reflektierte, rückblickende Erzählperspektive sind für Kinder im Grundschulalter schwer zugänglich. Jugendliche mit literarischem Interesse können jedoch viel aus ihr schöpfen, besonders die lebendige Schilderung der kindlichen Empfindungen. Erwachsene Leser werden die melancholischen Untertöne, die kulturhistorischen Details und die philosophische Tiefe besonders zu schätzen wissen. Es ist eine Geschichte, die mit dem Lebensalter an Reichtum gewinnt.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Die Erzählung ist weniger geeignet für Leser, die eine schnelle, actionreiche oder humorvolle Weihnachtsgeschichte suchen. Wer nach einfacher, leicht verdaulicher Unterhaltung oder rein heiterer Feststimmung sucht, könnte sich an der langatmigen Beschreibung und der schwermütigen Note stoßen. Auch für sehr junge Kinder ist der Text aufgrund seiner Länge und sprachlichen Hürden nicht passend. Menschen, die keinen Zugang zu nostalgischer oder kontemplativer Literatur haben oder die mit den historisch-regionalen Gegebenheiten (Ostpreußen, 19. Jahrhundert) gar nichts anfangen können, werden möglicherweise nicht von ihr erreicht. Sie ist ein Juwel für Genussleser, nicht für Nebenbei-Leser.

Mehr Adventsgeschichten