Das Geschenk der Weisen
Kategorie: Adventsgeschichten
Das Geschenk der Weisen
Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon ja Pennies. Stück für Stück ersparte Pennies, wenn man hin und wieder den Kaufmann, Gemüsemann oder Fleischer beschwatzt hatte, bis einem die Wangen brannten im stillen Vorwurf der Knauserei, die solch ein herum feilschen mit sich brachte. Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen.
Während die Dame des Hauses allmählich von dem ersten Zustand in den zweiten übergeht, werfen wir einen Blick auf das Heim. Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche. Sie war nicht gerade bettelhaft zu nennen; höchstens für jene Polizisten, die speziell auf Bettler gehetzt wurden. Unten im Hausflur war ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingelknopf, dem keines Sterblichen Finger je ein Klingelzeichen entlocken konnte. Dazu gehörte auch eine Karte, die den Namen“Mr. James Dillingham jr.“ trug. Das“Dillingham“ war in einer früheren Zeit der Wohlhabenheit, als der Eigentümer dreißig Dollar die Woche verdiente, hingepfeffert worden. Jetzt, da das Einkommen auf zwanzig Dollar zusammengeschrumpft war, wirkten die Buchstaben des“Dillingham“ verschwommen, als trügen sie sich allen Ernstes mit dem Gedanken, sich zu einem bescheidenen und anspruchslosen D zusammenzuziehen. Aber wenn Mr. James Dillingham jr. nach Hause und oben in seine Wohnung kam, wurde er“Jim“ gerufen und von Mrs. James Dillingham jr., die bereits als Della vorgestellt wurde, herzlich umarmt. Was alles sehr schön ist.
Della hörte auf zu weinen und fuhr mit der Puderquaste über ihre Wangen. Sie stand am Fenster und blickte trübselig hinaus auf eine graue Katze, die auf einem grauen Zaun in einem grauen Hinterhof spazierte. Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Monatelang hatte sie jeden Penny gespart, wo sie nur konnte, und dies war das Resultat. Zwanzig Dollar die Woche reichte nicht weit. Die Ausgaben waren größer gewesen, als sie gerechnet hatte. Das ist immer so. Nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Für ihren Jim. So manche glückliche Stunde hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas Schönes, Seltenes, Gediegenes – etwas, was annähernd der Ehre würdig war, Jim zu gehören. Zwischen den Fenstern stand ein Trumeau. Vielleicht haben Sie schon einmal einen Trumeau in einer möblierten Wohnung zu acht Dollar gesehen. Ein sehr dünner und beweglicher Mensch kann, indem er sein Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen betrachtet, eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem Aussehen erhalten. Della war eine schlanke Person und beherrschte diese Kunst.
Plötzlich wirbelte sie von dem Fenster fort und stand vor dem Spiegel. Ihre Augen glänzten und funkelten, aber ihr Gesicht hatte in zwanzig Sekunden die Farbe verloren. Flink löste sie ihr Haar und ließ es in voller Länge herabfallen. Zwei Dinge besaßen die James Dillinghams jr., auf die sie beide unheimlich stolz waren. Das eine war Jims goldene Uhr, die seinem Vater und davor seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte die Königin von Saba in der Wohnung jenseits des Luftschachts gelebt, dann hätte Della eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, um Ihrer Majestät Juwelen und Vorzüge im Wert herabzusetzen. Wäre König Salomo der Portier gewesen und hätte all seine Schätze im Erdgeschoss aufgehäuft, Jim hätte jedes mal seine Uhr gezückt, wenn er vorbeigegangen wäre, bloß um zu sehen, wie sich der andere vor Neid den Bart raufte. Jetzt floss also Dellas Haar wellig und glänzend an ihr herab wie ein brauner Wasserfall. Es reichte bis unter die Kniekehlen und umhüllte sie wie ein Gewand. Nervös und hastig steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick taumelte sie und stand ganz still, während ein paar Tränen auf den abgetretenen Teppich fielen.
Die alte braune Jacke angezogen, den alten braunen Hut aufgesetzt, und mit wehenden Röcken und immer noch das helle Funkeln in den Augen, schoss sie zur Tür hinaus und lief die Treppe hinab auf die Straße. Wo sie stehen blieb, lautete das Firmenschild Mme. Sofronie. Alle Sorten Haarersatz. Della rannte die Treppe hinauf und versuchte atemschöpfend, sich zu sammeln.
Madame, groß, zu weiß und frostig, sah kaum nach“Sofronie“ aus.“Wollen Sie mein Haar kaufen?“ fragte Della.“Ich kaufe Haar“, sagte Madame.“Nehmen Sie den Hut ab, damit wir es einmal ansehen können.“Der braune Wasserfall stürzte in Wellen herab.“Zwanzig Dollar“, sagte Madame, mit kundiger Hand die Masse anhebend.“Geben Sie nur schnell her“, sagte Della. Oh, und die nächsten beiden Stunden trippelten auf rosigen Schwingen. Nehmen Sie es nicht so genau mit der zerhackten Metapher. Sie durchwühlte die Läden nach dem Geschenk für Jim. Schließlich fand sie es. Bestimmt war es für Jim und für niemand sonst gemacht. Keins gab es in den Läden, das diesem glich, und sie hatte in allen das Oberste zuunterst gekehrt. Es war eine Uhrkette aus Platin, einfach und edel im Dessin, die ihren Wert auf angemessene Weise durch das Material und nicht durch eine auf den Schein berechnete Verzierung offenbarte – wie es bei allen guten Dingen sein sollte. Sie war sogar der Uhr würdig. Kaum hatte sie die Kette erblickt, als sie auch schon wusste, dass sie Jim gehören müsse. Sie war wie er. Überlegene Ruhe und Wert – das passte auf beide. Einundzwanzig Dollar nahm man ihr dafür ab, und mit den siebenundachtzig Cent eilte sie nach Hause. Mit dieser Kette an der Uhr konnte Jim wirklich in jeder Gesellschaft um die Zeit besorgt sein. So großartig die Uhr war, manchmal blickte er wegen des alten Lederriemchens, das er an Stelle einer Kette benutzte, nur verstohlen nach ihr.
Als Della zu Hause angelangt war, wich ihr Rausch ein wenig der Vorsicht und der Vernunft. Sie holte ihre Brennschere heraus, zündete das Gas an und machte sich ans Werk, die Verheerungen auszubessern, die von Freigebigkeit in Verein mit Liebe angerichtet worden waren. Was stets eine gewaltige Aufgabe ist, liebe Freunde – eine Mammutaufgabe. Nach vierzig Minuten war ihr Kopf dicht mit kleinen Löckchen bedeckt, mitdenen sie wundervoll aussah, wie ein schwänzender Schuljunge. Lange, sorgfältig und kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild.
„Wenn mich Jim nicht umbringt, bevor er mich ein zweites Mal ansieht, wird er sagen, ich sehe aus wie ein Chormädel von Coney Island“, meinte sie bei sich.“Aber was – oh, was hätte ich denn mit einem Dollar siebenundachtzig anfangen sollen?“ Um sieben war der Kaffee gekocht, und die Bratpfanne stand hinten auf der Kochmaschine, heiss und bereit, die Kotelette zu braten. Jim verspätete sich nie. Della ließ die Uhrkette in ihrer Hand verschwinden und setzte sich auf die Tischkante nahe der Tür, durch die er immer eintrat. Dann hörte sie seinen Schritt auf der Treppe, unten, auf den ersten Stufen, und wurde einen Augenblick blass. Sie hatte sich angewöhnt, wegen der einfachsten Alltäglichkeit stille kleine Gebete zu murmeln, und jetzt flüsterte sie“Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich noch hübsch findet.“
Die Tür öffnete sich, Jim trat ein und schloss sie. Er sah mager und sehr feierlich aus. Armer Junge, er war erst zweiundzwanzig – und schon mit Familie belastet! Er brauchte einen neuen Mantel und hatte auch keine Handschuhe. Jim blieb an der Tür stehen, reglos wie ein Vorstehhund, der eine Wachtel ausgemacht hat Seine Augen waren auf Della geheftet, und ein Ausdruck lag in ihnen, den sie nicht zu deuten vermochte und der sie erschreckte. Es war weder Ärger noch Verwunderung, weder Missbilligung noch Abneigung, noch überhaupt eins der Gefühle, auf die sie sich gefasst gemacht hatte. Er starrte sie nur unverwandt an mit diesem eigentümlichen Gesichtsausdruck.
Della rutschte langsam vom Tisch und ging zu ihm.“Jim, Liebster“, rief sie,“sieh mich nicht so an. Ich hab‘ mein Haar abschneiden lassen und verkauft, weil ich Weihnachten ohne ein Geschenk für dich nicht üherlebt hätte. Es wird wieder wachsen – du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell. Sag mir fröhliche Weihnachten, Jim, und lass uns glücklich sein. Du ahnst nicht, was für ein hübsches, was für ein schönes, wunderschönes Geschenk ich für dich bekommen habe.“
„Du hast dein Haar abgeschnitten?“ fragte Jim mühsam, als könne er selhst nach schwerster geistiger Arbeit nicht an den Punkt gelangen, diese offenkundige Tatsache zu begreifen.“Abgeschnitten und verkauft“, sagte Della.“Hast du mich jetzt nicht noch ebenso lieb? Ich bin auch ohne mein Haar noch dieselbe, nicht wahr?“ Jim blickte neugierig im Zimmer umher.“Du sagst, dein Haar ist weg?“ bemerkte er mit nahezu idiotischem Gesichtsausdruck.“Du brauchst nicht danach zu suchen“, sagte Della.“Ich sag‘ dir doch, es ist verkauft – verkauft und weg. Heute ist Heiligabend, Jungchen. Sei nett zu mir, denn es ist ja für dich weg. Vielleicht waren die Haare auf meinem Kopf gezählt“, fuhr sie mit einer jähen, feierlichen Zärtlichkeit fort,“aber nie könnte jemand meine Liebe zu dir zählen. Soll ich die Kotelette aufsetzen, Jim?“
Jim schien im Nu aus seiner Starrheit zu erwachen. Er umarmte seine Della. Wir wollen inzwischen mit diskreten Forscherblicken zehn Sekunden lang eine an sich unwichtige Sache in anderer Richtung betrachten. Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr – was ist der Unterschied? Ein Mathematiker oder ein Witzbold würden uns eine falsche Antwort geben. Die Weisen brachten wertvolle Geschenke, aber dies war nicht darunter. Diese dunkle Behauptung soll später erläutert werden. Jim zog ein Päckchen aus der Manteltasche und warf es auf den Tisch.
„Täusch dich nicht über mich, Dell“, sagte er.“Du darfst nicht glauben, dass es etwas wie Haare schneiden oder stutzen oder waschen mich dahin bringen könnte, mein Mädchen weniger lieb zuhaben. Aber wenn du das Päckchen auspackst, wirst du sehen, warum du mich zuerst eine Weile aus der Fassung gebracht hast.“
Weiße Finger rissen hurtig an der Strippe und am Papier. Und dann ein verzückter Freudenschrei, und dann – ach! – ein schnelles weibliches Hinüberwechseln zu hysterischen Tränen und Klagen, die dem Herrn des Hauses den umgehenden Einsatz aller Trostmöglichkeiten abforderten. Denn da lagen die Kämme – die Garnitur Kämme, die Della seit langem in einem Broadway-Schaufenster angeschmachtet hatte. Wunderschöne Kämme, echt Schildpatt mit juwelenverzierten Rändern – gerade in der Schattierung, die zu dem schönen, verschwundenen Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte nach ihnen gebettelt und gebarmt, ohne die leiseste Hoffnung, sie je zu besitzen. Und nun waren sie ihr eigen; aber die Flechten, die der ersehnte Schmuck hätte zieren sollen, waren fort. Doch sie presste sie zärtlich an die Brust und war schließlich so weit, dass sie mit schwimmenden Augen und einem Lächeln aufblicken und sagen konnte:“Mein Haar wächst so schnell, Jim!“ Und dann sprang Della auf wie ein gebranntes Kätzchen und rief:“Oh, oh!“ Jim hatte ja noch nicht sein schönes Geschenk gesehen. Ungestüm hielt sie es ihm auf der geöffneten Hand entgegen. Das leblose, kostbare Metall schien im Abglanz ihres strahlenden, brennenden Eifers zu blitzen.“Ist die nicht toll, Jim? Die ganze Stadt hab‘ ich danach abgejagt. Jetzt musst du hundertmal am Tag nachsehen, wie spät es ist. Gib mir die Uhr. Ich möchte sehen, wie sich die Kette dazu macht.“
Statt zu gehorchen, ließ er sich auf die Chaiselongue fallen, legte die Hände im Nacken zusammen und lächelte.“Dell“, sagte er,“wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke beiseite legen und eine Weile aufheben. Sie sind zu hübsch, um sie jetzt schon in Gebrauch zu nehmen. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für die Kämme zu haben. Wie wäre es, wenn du die Kotelette braten würdest?“
Die Weisen waren, wie ihr wisst, weise Männer – wunderbar weise Männer -, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab. Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses füreinander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen. Autor: O.Henry
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
O. Henrys "Das Geschenk der Weisen" ist weit mehr als eine rührselige Weihnachtsanekdote. Es ist eine meisterhafte Studie über Liebe, Opferbereitschaft und die wahre Bedeutung von Wert. Im Kern steht die paradoxe Situation, dass Della und Jim ihre wertvollsten Besitztümer – ihr prachtvolles Haar und seine goldene Uhr – verkaufen, um jeweils ein Geschenk für den anderen zu erwerben, das genau diesen verlorenen Schatz schmücken soll. Diese ironische Wendung, die oft als "O. Henry-Twist" bezeichnet wird, offenbart die Tiefe ihrer Verbindung. Ihr Opfer ist nicht vergeblich, sondern wird zum ultimativen Beweis einer Liebe, die materiellen Wert transzendiert. Die Erzählung hinterfragt geschickt unsere Konzepte von Reichtum und Armut. Obwohl das Paar finanziell kläglich dasteht, besitzt es durch ihre gegenseitige Hingabe einen unermesslichen Reichtum. Der abschließende Kommentar des Erzählers, der das junge Paar als die "wahren Weisen" bezeichnet, stellt die biblische Geschichte der Heiligen Drei Könige auf den Kopf. Weisheit zeigt sich hier nicht in kostbaren Gaben, sondern in der selbstlosen Geste, die aus tiefer Zuneigung entspringt. Die Geschichte feiert somit die Idee, dass der emotionalste Wert eines Geschenks nicht im Preis liegt, sondern in der persönlichen Opfergabe, die es repräsentiert.
Biografischer Kontext des Autors
O. Henry, eigentlich William Sydney Porter (1862-1910), ist eine schillernde Figur der amerikanischen Literaturgeschichte. Seine eigene Lebenserfahrung mit finanzieller Not, Schicksalsschlägen und sogar einem Gefängnisaufenthalt prägte sein Werk zutiefst. Nachdem er wegen Veruntreuung angeklagt wurde – eine Anschuldigung, über die bis heute diskutiert wird – floh er zunächst nach Honduras, kehrte aber wegen der schweren Krankheit seiner Frau zurück und verbüßte eine dreijährige Haftstrafe. In dieser Zeit begann er ernsthaft zu schreiben und nahm sein berühmtes Pseudonym an. Nach seiner Entlassung zog er nach New York City, wo er zur literarischen Sensation wurde und in rascher Folge über 300 Kurzgeschichten veröffentlichte. O. Henry wurde zum Meister der modernen Short Story, bekannt für seine genauen Milieuschilderungen des einfachen Lebens, seinen humorvollen, manchmal sentimentalen Ton und vor allem für seine überraschenden, oft ironischen Schlusswendungen. "The Gift of the Magi" (1905) ist sein vielleicht bekanntestes Werk und verkörpert perfekt seinen Stil: eine einfache, berührende Handlung, die in der Großstadt spielt und mit einer pointierten, bedeutungsvollen Pointe endet. Sein Leben, geprägt von Höhen und Tiefen, schärfte seinen Blick für die kleinen Dramen und die verborgenen Heldentaten gewöhnlicher Menschen.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine komplexe, vielschichtige Stimmung, die den Leser durch verschiedene emotionale Zustände führt. Zunächst dominiert ein Gefühl der bedrückenden Armut und Hoffnungslosigkeit, wenn Della ihr kleines Erspartes zählt. Die Beschreibung der ärmlichen Wohnung und der "grauen" Welt draußen verstärkt diese melancholische Atmosphäre. Dann folgt eine Phase der angespannten Entschlossenheit und des leichten Rausches, als Della die radikale Entscheidung trifft, ihr Haar zu verkaufen und auf Geschenksuche geht. Der Höhepunkt der Geschichte, der Austausch der Geschenke, löst zunächst Bestürzung und dann tiefe Rührung aus. Die ironische Wendung bringt eine Mischung aus Wehmut und Erheiterung mit sich. Letztlich aber überwiegt eine warme, zutiefst befriedigende Stimmung der Zufriedenheit und menschlichen Wärme. Die Schlussbemerkung des Erzählers verleiht dem Ganzen eine fast feierliche, weise Note. Es ist eine Stimmung, die Traurigkeit und Freude, Verlust und Gewinn kunstvoll vereint und den Leser mit dem tröstlichen Gefühl zurücklässt, dass wahre Liebe und Großzügigkeit die größten Gaben sind.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Absolut. Die zentralen Themen von "Das Geschenk der Weisen" sind zeitlos und treffen auch heute noch einen Nerv. In einer von Konsum und materiellen Werten geprägten Welt, besonders zur Weihnachtszeit, wirft die Geschichte essentielle Fragen auf: Was macht den wahren Wert eines Geschenks aus? Ist es der Preis oder die dahinterstehende Intention und das Opfer? Die Geschichte kritisiert subtil einen Kommerz, der die emotionale Bedeutung des Schenkens in den Hintergrund drängt. Moderne Parallelen lassen sich leicht ziehen: Der Druck, das perfekte, oft teure Geschenk zu finden, die Sorge, mit eigenen Gaben nicht mithalten zu können, oder der Wunsch, einem geliebten Menschen trotz begrenzter finanzieller Mittel eine Freude zu machen. Die Erzählung erinnert uns daran, dass zwischenmenschliche Beziehungen und selbstlose Zuwendung unbezahlbar sind. In einer Zeit, in der Erlebnisse und geteilte Zeit als wertvoller denn je gelten, ist die Botschaft der Geschichte aktuell: Die bedeutungsvollsten Geschenke sind oft nicht die, die man in einem Geschäft kaufen kann, sondern die, die von Herzen kommen und ein Stück von einem selbst enthalten.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist die Geschichte im mittleren Schwierigkeitsgrad anzusiedeln. O. Henry verwendet eine bildreiche, manchmal leicht altmodische Sprache und kunstvolle Metaphern (wie den "braunen Wasserfall" für Dellas Haar). Der Satzbau ist klar und die Handlung linear, was das grundsätzliche Verständnis erleichtert. Allerdings enthält der Text einige anspruchsvollere literarische Stilmittel, wie die direkten Anreden des Lesers, die moralischen Betrachtungen des Erzählers und die ironische Schlusspointe, die ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen erfordern, um vollständig erfasst zu werden. Die Übersetzung ins Deutsche bewahrt diesen Charakter. Einige Begriffe wie "Trumeau" oder die historischen Verweise auf die Königin von Saba und König Salomo mögen Erklärungsbedarf haben. Insgesamt ist die Sprache aber zugänglich und die emotionale Kernaussage für jeden Leser unmittelbar erfahrbar. Die Geschichte eignet sich daher gut, um literarische Interpretation zu üben, ist aber auch für weniger geübte Leser ein Genuss.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte ist der klassische Vorlesetext für den Heiligabend oder die Adventszeit. Sie passt perfekt zu gemütlichen Familienmomenten bei Kerzenschein, um gemeinsam in die Weihnachtsstimmung einzutauchen und über den Sinn des Festes nachzudenken. Darüber hinaus eignet sie sich hervorragend für den Schulunterricht in den Fächern Deutsch oder Ethik, um Themen wie Ironie, Symbolik, Armut und Reichtum oder die literarische Gattung der Kurzgeschichte zu behandeln. Auch in Gottesdiensten oder bei weihnachtlichen Gemeindeveranstaltungen wird sie oft als moderne Parabel genutzt, die die christliche Botschaft der Nächstenliebe und Opferbereitschaft widerspiegelt. Nicht zuletzt ist sie eine wunderbare Lektüre für jeden, der sich eine Auszeit vom hektischen Weihnachtstrubel nehmen und sich auf die zwischenmenschlichen Werte besinnen möchte.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Erzählung spricht ein breites Publikum an. Jugendliche ab etwa 12 Jahren können die Handlung und die grundlegende Botschaft bereits gut verstehen und die emotionale Tragweite der Entscheidungen von Della und Jim nachvollziehen. Für Erwachsene bietet sie eine tiefere Schicht des Verständnisses, da sie die sozialen und philosophischen Untertöne, die Lebenserfahrung mit finanziellen Sorgen und die komplexe Ironie der Situation voll würdigen können. Auch für Senioren ist sie eine bereichernde Lektüre, die oft an eigene, bescheidenere Weihnachten erinnert. Die universelle Thematik von Liebe und Opfer macht sie zu einer generationsübergreifenden Geschichte, die in der Familie gemeinsam gelesen und diskutiert werden kann. Die Kernaussage ist für jedes Alter relevant und berührend.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Für sehr junge Kinder im Vorschul- oder frühen Grundschulalter ist die Geschichte aufgrund ihrer Länge, der teils melancholischen Grundstimmung und der komplexen ironischen Pointe wahrscheinlich noch nicht ideal geeignet. Sie könnten den tragikomischen Twist nicht vollständig erfassen und sich eher auf den traurigen Verlust der Haare und der Uhr konzentrieren. Auch Leser, die ausschließlich nach actionreichen, schnellen oder humorvollen Weihnachtsgeschichten suchen, könnten enttäuscht sein. O. Henrys Werk ist eine ruhige, charakter- und dialoggetriebene Studie, die Reflexion erfordert. Wer eine reine, ungetrübte Weihnachtsfreude ohne jeden Anflug von Traurigkeit oder Ironie sucht, findet hier vielleicht nicht das Passende. Die Geschichte lebt von ihren Nuancen und der bittersüßen Erkenntnis, die am Ende steht.
Mehr Adventsgeschichten
- Die Geschichte vom griesgrämigen Manager
- Der allererste Weihnachtsbaum
- Eine Weihnachtsreise ins altpreußische Land
- Eine Weihnachtsgeschichte
- Eine Weihnachtsbescherung
- Die Legende von dem Zaunkönig und der Zaunkönigin
- Wie der alte Christian Weihnachten feierte
- Die Geschichte vom Weihnachtsmarkt
- Weihnachtsmorgen
- Das Mädchen und die Schildkröte
- Die kleine Trompete
- Das Wintersonnenmärchen
- Etwas müde stapfte der Weihnachtsmann
- Weihnachten in der Fremde
- Die Abenteuer der kleinen Schneemaus
- Das große Herz
- Kätchens Weihnachtstraum
- Ein Weihnachtsengel
- Der selbstsüchtige Riese
- Ein Weihnachtsgast