Lüttjemann und Lüttjerinchen

Kategorie: Weihnachtsmärchen

Lüttjemann und Lüttjerinchen
Es war einmal zwei Mooswichte, die lebten in einem alten Steinbruch.
Sie hatten ein einziges Kind, das nannten sie Lüttchemann, weil es noch viel kleiner war, als die Kinder der Mooswichte sonst sind, so klein, dass es in einer Wiege aus einer halben Walnussschale Platz hatte.
Die alten Mooswichte liebten ihren einzigen Sohn zärtlich; er bekam das feinste Essen: Blumenhonig und Nusskernbrot und dazu Mondtau und herrliche Spielsachen: goldene Käferflügel, silberne Libellenaugen, blitzende Kristalle und funkelnde Steine.
Als er größer wurde und zu Verstand kam, ließen ihn seine Eltern etwas Tüchtiges lernen: der Maulwurf lehrte ihn das Graben, der Specht das Meißeln, die Maus das Hobeln, der Käfer das Bohren, die Spinne das Weben, die Schnecke das Polieren, die Heuschrecke brachte ihm das Fiedeln und die Mücke das Singen bei.
Als Lüttjemann so groß war, dass ihm der Bart wuchs, sagte sein Vater zu ihm: "Du kannst alleine in der Welt fertig werden. Suche dir eine Wohnung, richte sie dir hübsch ein, nimm dir eine Frau und sei glücklich mit ihr, wie ich es mit deiner Mutter bin. Und damit dir unterwegs niemand etwas tut, so hast du hier einen Spieß und Bogen und Pfeile." Und er gab ihm einen Schlehdorn, einen Bogen aus einer Fischgräte und Pfeile aus Wildschweinborsten mit giftigen Spitzen aus Bienenstacheln.

Lüttjemanns Mutter weinte sehr, als sie das hörte, und wischte sich mit ihrer Schürze, einem roten Mohnblatt, die Augen. sie küsste ihren Sohn und sprach zu ihm: "Heirate kein Mädchen, das nicht dünn in der Mitte, blau in den Augen und blond auf dem Kopf ist. Und hier hast du allerlei auf die Reise mit." Und sie gab ihm eine Tasche aus Spitzmausfell, darin war: eine Bucheckernflasche mit Bickbeerwein, eine Wurst aus Schneckenfleisch, ein Brot aus Hirtentäschel.

Lüttjemann wollte auch erst weinen, dass er nun so allein in die Welt hinaus musste, aber er dachte daran, dass er einen Bart, einen Spieß und Pfeil und Bogen hatte, küsste seinen Vater und seine Mutter und ging tapfer in die Welt hinaus.

Als er eine Weile gegangen war, wurde er hungrig und setzte sich unter ein Klettenblatt, um zu frühstücken. Vorher aber rief er, wie es ihn seine Eltern gelehrt hatten: "Ich hab für zwei Mann genug im Sack, ist keiner da, der mithalten mag?"

Da schnurrte es über Lüttjemann, der Zaunkönig kam angeflogen, machte einen tiefen Knix und sagte: "Ich esse auch nicht gern allein; ich bin so frei und lade mich ein."
Sie aßen und tranken, und als der Zaunkönig satt war, bedankte er sich schön und sprach: "Will man dir etwas tun, so rufe mich, ich heiße Vogel Wunderlich." Lüttjemann ging weiter, und als er wieder hungrig wurde, setzte er sich unter einen Fliegenpilz, knöpfte sein Ränzlein auf und rief: "Ich habe für zwei Mann genug im Sack; ist keiner da der mithalten mag?"
Da raschelte es neben ihm, und der Igel kam, bot Lüttjemann die Tageszeit und sprach: "Ich esse auch nicht gern allein; ich bin so frei und lad mich ein."
Sie aßen und tranken, und als der Igel satt war, bedankte er sich schön und sprach: "Will man dir was tun, so rufe mich; ich bin das Tierchen Pickedich."
Lüttjemann ging weiter, und als er wieder hungrig war, setzte er sich unter einen Brombeerbusch und lud sich wieder Gesellschaft ein. Da kam der Hirschkäfer, machte einen Diener und vesperte mit, und als er satt war, bedankte er sich schön und sagte: "Will man dir was tun, so rufe mich her; ich bin der Käfer Kneifesehr."
Lüttmann ging weiter und fand einen goldenen Laufkäfer auf dem Rücken liegen; er half ihm auf die Beine, und da sagte der Käfer: "Du halfest mir aus Not und Pein, dafür will ich dein Hund jetzt sein" Und Lüttjemann freute sich darüber sehr und sprach: "Blitzeblank, so nenn' ich dich, lauf voran und schütze mich!" Da lief Blitzeblank vor ihm her und biss alles in die Beine, was den Weg nicht freigeben wollte.
Gegen Abend kamen sie an einen Steinbruch. Da sahen sie drei Glühwürmer, die leuchteten, und sechs Totengräber in schwarzen, rotbesetzten Röckchen beerdigten eine Fledermaus. Lüttjemann half ihnen dabei und lud sie nachher zum Abendbrot ein. Als die Totengräber hörten, dass er ein Haus für sich suche, zeigten sie ihm die Wohnung der Fledermaus, die jetzt leer stand.
Lüttjemann ging mit und sah sich die Wohnung an. Es war ein Loch in der Felswand unter einem Glockenblumenbusch. Die Glühwürmer leuchteten, und die Totengräber machten rein, und als alle der Kehricht heraus war, den die alte faule Fledermaus hatte liegen lassen, da freute sich Lüttjemann, denn die Decke war ganz aus blanken Kristallen und die Wände aus dem schönsten Kalkstein.
Er machte zwei Lager, eins für sich und eins für Blitzeblank, und schlief ruhig ein, denn er war von dem weiten Weg müde. Frisch und munter wachte er am andern Morgen auf, wusch sich in einem großen Tautropfen, kochte auf einem Feuer aus trockenen Tannennadeln ein Lerchenei, das Blitzeblank herangeschleppt hatte, in einem Topf aus einer Schneckenschale, frühstückte und richtete sich seine Wohnung ein, und weil er viel freundlicher und gefälliger war, als die brummige Fledermaus, so halfen ihm die kleinen Leute aus der Nachbarschaft.
die Spinne webte ihm Vorhänge, die Eule gab ihm Federn für das Bett, das Eichhorn sorgte für Teller und Töpfe aus Nüssen und Eicheln, Brennholz brachten die Ameisen, der Specht schaffte Leuchtholz herbei, damit Lüttjemann abends Licht hatte, die Bienen lieferten Honig, der Eisvogel Libellenflügel als Wandschmuck.
Als alles fertig war, sagte Lüttjemann: "Fix und fertig ist das Haus; jetzt geh' ich und suche die Braut mir aus."

/> Jeden Tag ging er in die Nachbarschaft auf Brautschau, und jeden Abend kam er allein nach Hause, denn er hatte keine Frau gefunden, die zu ihm passte. die Unke war zu dick in der Mitte, das Goldhähnchen hatte schwarze Augen und die Spitzmaus war zu schwarz auf dem Kopf. So kam der Herbst in das Land, und Lüttjemann hatte immer noch keine Frau. Sein Häuschen war sauber und gemütlich, Küche und Keller, Stall und Scheune waren voll, aber Lüttjemann wurde immer trauriger, weil er so allein war, und spielte auf seiner Fiedel, die er sich aus einem Mausekopf gemacht hatte, nur noch ganz leise Lieder.
Als der Wind die roten Blätter von den Bäumen riss, kam eine kleine Haselmaus und fragte Lüttjemann, ob sie nicht über den Winter neben dem Herd schlafen dürfe, denn die Holzhauer hätten ihr Häuschen in der Buche entzwei gemacht. Das erlaubte Lüttjemann ihr, und sie ging hinter den Herd, rollte sich zusammen und schlief ein.
So wurde es Winter, und wenn Lüttjemann auch noch so traurig war über sein Alleinsein, einen Weihnachtsbaum wollte er doch haben. Er ging mit seiner Säge, einem scharfen Heuschreckenbein, in den Wald, wo die ganz kleinen Tannenbäume stehen, suchte sich den schönsten aus, schnitt ihn ab, setzte ihn in eine Kastanie und putzte ihn aus mit Lichtern aus Schneckentalg, Flittergold von Schmetterlingsflügeln und Watteflöckchen von Altweibersommer, und weil er am Weihnachtsabend nicht allein sein wollte, so buk er tüchtig Kuchen für seine Gäste und machte dazu ein großes Feuer, dass die Haselmaus warm und munter wurde.
Sie rieb sich die großen schwarzen Augen, strich sich ihren langen Schnurrbart gerade, kämmte und putzte sich und sprach: "Lüttjemann, sei mal still, weil ich dir was sagen will. Mir hat geträumt in letzter Nacht, Christkind hätt' dir was gebracht. Mitten dünn, oben gold, und die Augen blau und hold. Wo der Bach den Bogen macht, es die Pustefrau bewacht."
Lüttjemann riss sein rotes Mützchen ab und schrie: "Hurra, hurra, das stimmt genau; das passt ganz auf meine Frau."
Aber dann wurde er sehr traurig, denn die Pustefrau war ein Hexe, der jeder gern aus dem Wege ging, denn, wen sie anpustete, der wurde steif und stumm. Aber er dachte an seinen Spieß und Bogen und seine Pfeile und ging geradewegs nach dem Bache.
Da saß die Pustefrau unter einer faulen Eichenwurzel, rieb vor Boshaftigkeit ihre Spinnenfinger, zwinkerte mit den grünen Augen und rief: "Lüttjemann, Lüttjemann, wer mich stört den pust' ich an. Püttjerine deine Braut, schläft schon auf dem Farrenkraut."
Lüttjemann hatte große Angst, als er die Pustefrau so reden hörte, als er aber das Püttjerinchen sah, die hinter der Hexe auf dem Farrenbett lag und schlief, in der Mitte dünn, auf dem Kopfe blond und in den Augen blau, da ging er tapfer auf die Alte los.
Die Hexe machte sich dick wie eine Kröte und pustete. Als sie das erstemal pustete, lief es Lüttjemann kalt über den Rücken, aber er schoss doch eine Pfeil ab. Die Hexe aber lachte böse, fing den Pfeil auf und blies zum zweitenmal. Da lief es Lüttjemann kochend heiß über den Rücken, aber er schwang seinen Speer und ging auf die Hexe los: Da machte sie sich doppelt so dick wie vorher, und da dachte Lüttjemann an den Zaunkönig und rief: "Kleiner Vogel Wunderlich, rette vor der Hexe mich!" Da schnurrte es in der Luft, der Zaunkönig kam an, flog der Pustefrau in das Gesicht. Aber wenn er dadurch auch Lüttjemann rettete, er selber wurde von der Hexe angeblasen, und fiel steif und stumm in den Schnee.
Wieder blies die Hexe sich auf und da fiel Lüttjemann der Igel ein und er rief: "Gutes Tierchen Pickedich, rette vor der Hexe mich!"
Da trappelte es im Schnee, der Igel kam an, rollte sich zusammen, kugelte sich auf die Pustefrau und stach sie so, dass sie laut schrie. Aber auch ihn pustete sie an, und steif und stumm lag er im Schnee.
Wieder blies die Hexe sich auf und wollte Lüttjemann anpusten, da dachte er an den Hirschkäfer und schrie: "Starker Käfer Kneifesehr, ich bin in Not, komm schleunigst her!"
Da krabbelte es in der faulen Eichenwurzel, unter der die Pustefrau saß, Kneifesehr streckte seine Zange hervor, fasste die Hexe um den Hals und würgte sie, dass sie blau im Gesicht wurde und das Pusten vergaß. Und da sprang Lüttjemann hinzu, stieß ihr seinen Speer in das Herz und warf das Scheusal in den Bach.
Da erwachte Püttjerinchen aus dem Zauberschlaf, richtete sich auf, strich ihr seidenes Röckchen glatt, gab Lüttjemann einen Kuss und sprach: "Püttjerinchen heiße ich, ich bin zart und püttjerig. Mein Vater ist König im Wollgrasland, Flitterfroh ist er genannt, und meine Mutter, die Königin, die nennen sie Frau Susewin."
Da lachte Lüttjemann und fragte sie, ob sie seine Frau sein wollte, und da war Püttjerinchen zufrieden, und alle kleinen Leute im Walde kamen und wünschten ihnen Glück und geleiteten sie mit Musik durch den Schnee nach Lüttjemanns Haus; auch der Zaunkönig und der Igel, die wieder aufgewacht waren, kamen mit.
Die Haselmaus lachte, als der fröhliche Zug ankam, deckte den Tisch, braute einen Hagebuttenpunsch und steckte die Lichter an den Weihnachtsbaum an, gerade als unten im Dorfe die Menschen auch die Lichter anzündeten.
Da ging es denn vergnügt her, Lüttjemann war froh, dass er eine Frau hatte, und Püttjerinchen freute sich, dass sie einen so guten Mann bekommen hatte.
Im Frühling feierten sie Hochzeit, wozu Lüttjemanns und Püttjerinchens Eltern auch kamen, und als sie Kinder bekamen, nannten sie den Jungen Lüttjepütt und das Mädchen Püttjelütt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch.

Autor: Hermann Löns

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Hermann Löns' "Lüttjemann und Lüttjerinchen" ist weit mehr als eine niedliche Wichtelgeschichte. Sie erzählt archetypisch von der Reife, der Suche nach dem eigenen Platz im Leben und der Kraft der Gemeinschaft. Der Held Lüttjemann wird von seinen Eltern liebevoll auf das Erwachsenwerden vorbereitet. Die Ausbildung bei den Tieren symbolisiert den Erwerb praktischer Lebensfähigkeiten und handwerklicher Kunstfertigkeit. Seine Reise steht für den individuellen Lebensweg, auf dem man Freundschaften schließt (Zaunkönig, Igel, Käfer) und Verantwortung für andere übernimmt (Rettung des Laufkäfers). Die Suche nach der Braut folgt dem klassischen Märchenmotiv, ist hier aber mit der mütterlichen Weisung verbunden, auf innere Werte ("dünn in der Mitte") und äußere Harmonie zu achten.

Der Höhepunkt der Erzählung, die Rettung der verzauberten Püttjerinchen von der bösen Pustefrau, verbindet das Weihnachtsmotiv auf einzigartige Weise mit einem Heldenabenteuer. Interessant ist, dass Lüttjemann die Hexe nicht allein besiegen kann. Erst die Hilfe der drei Gefährten, die er durch Großzügigkeit gewann, führt zum Erfolg. Dies unterstreicht die Botschaft, dass wahre Stärke aus Freundschaft und gegenseitigem Beistand erwächst. Das glückliche Ende in der gemütlichen, selbstgeschaffenen Behausung am Weihnachtsabend vereint die Themen Heimat, Liebe und Festgemeinschaft. Die Geschichte feiert das Kleine, das Bescheidene und den Zauber der Natur in allen ihren Details, vom Mondtau bis zum Altweibersommerflock.

Biografischer Kontext zum Autor

Hermann Löns (1866-1914) war ein deutscher Journalist, Schriftsteller und Heimatdichter, der vor allem durch seine Natur- und Tierdichtung sowie seine Lyrik bekannt wurde. Sein Werk ist tief in der norddeutschen Heidelandschaft verwurzelt. Löns verstand sich als "Heimatdichter" und setzte sich früh für den Naturschutz ein. Sein berühmtestes Werk ist der Roman "Der Wehrwolf", doch er schrieb auch zahlreiche Märchen und Geschichten, die die heimische Tier- und Pflanzenwelt fantasievoll vermenschlichten.

Seine Verbundenheit zur Natur spiegelt sich in "Lüttjemann und Lüttjerinchen" auf faszinierende Weise wider. Jedes Detail, jedes Tier und jede Pflanze ist mit liebevoller Kenntnis und Präzision beschrieben. Diese Genauigkeit macht die fantastische Welt der Mooswichte unglaublich plastisch und glaubwürdig. Löns' Geschichten entstanden in einer Zeit zunehmender Industrialisierung, und sein Werk kann auch als Sehnsucht nach einer intakten, kleinteiligen und magisch durchdrungenen Natur gelesen werden. Sein früher Tod als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg machte ihn posthum zur umstrittenen Symbolfigur, sein literarisches Vermächtnis, besonders die feinfühligen Naturmärchen, bleibt jedoch unbestritten.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Geschichte erzeugt eine warme, geborgene und zugleich abenteuerliche Stimmung. Sie beginnt behaglich in der sorgenden Obhut der Eltern, wird dann zum Reise- und Entdeckungsabenteuer und mündet schließlich in der weihnachtlichen Gemütlichkeit des eigenen Heims. Löns' detailreiche Beschreibungen von Nahrung, Handwerk und Wohnungseinrichtung wecken ein Gefühl für das Schöne im Kleinen und Selbstgemachten. Die Bedrohung durch die Pustefrau bringt Spannung und dramatische Höhepunkte, die aber stets im Wissen um den guten Ausgang ertragen werden.

Die Grundstimmung ist durchdrungen von Poesie und einem fast schon nostalgischen Zauber. Die Vorstellung einer verborgenen, hilfsbereiten Welt der kleinen Wesen direkt vor unserer Haustür ist tröstlich und einladend. Der Weihnachtsabend als finaler Rahmen setzt dem Ganzen die Krone auf und verbindet die persönliche Glückserfüllung Lüttjemanns mit dem universalen Fest des Lichts und der Gemeinschaft. Man fühlt sich beim Lesen in eine heile, gerechte Welt versetzt, in der Freundlichkeit belohnt und Böses besiegt wird.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Absolut. Die Kernfragen der Geschichte sind heute so relevant wie vor hundert Jahren. Es geht um den Schritt in die Selbstständigkeit, die Suche nach Partnerschaft und dem eigenen Zuhause, den Wert echter Freundschaft und den Mut, sich Bedrohungen zu stellen. In einer oft anonymen Welt betont die Geschichte die Bedeutung von Nachbarschaftshilfe und Gemeinschaft – alle helfen Lüttjemann beim Einrichten seines Heims. Das ist eine schöne Parallele zu modernen Nachbarschaftsinitiativen oder Sharing-Konzepten.

Die ökologische Sensibilität der Geschichte ist bemerkenswert aktuell. Löns beschreibt ein perfekt funktionierendes Ökosystem, in dem jedes Wesen eine Rolle spielt und Ressourcen nachhaltig und kreativ genutzt werden. Die Geschichte lädt dazu ein, die Natur wieder mit mehr Achtsamkeit und Staunen zu betrachten. Auch das Thema "Überbehütung versus Loslassen", das im Abschied der Eltern mitschwingt, ist ein zeitloses Generationenthema. Die Botschaft, dass man mit handwerklichem Geschick, Hilfsbereitschaft und Mut sein Glück finden kann, besitzt ungebrochene Gültigkeit.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist die Geschichte im Bereich mittelschwer einzuordnen. Sie verwendet einen bildhaften, teilweise altertümlich anmutenden Erzählstil mit vielen konkreten, aber manchmal heute weniger geläufigen Begriffen wie "Mondtau", "Hirtentäschel", "Altweibersommer" oder "Pustefrau". Die Sätze sind meist klar gebaut, aber die Fülle an Details und die vielen Eigennamen (Kneifesehr, Pickedich) erfordern Aufmerksamkeit.

Der Text ist kein einfaches Vorlesebuch für ganz Kleine, sondern entfaltet seinen Charme gerade durch die reiche, manchmal versponnene Sprache. Für geübte Zuhörer oder selbst lesende Kinder ab dem Grundschulalter stellen diese Wörter jedoch keine unüberwindbare Hürde dar, sondern bereichern den Wortschatz und regen zum Nachfragen an. Die rhythmischen, teils gereimten Sprüche der Tiere und der Haselmaus lockern den Text angenehm auf und machen ihn einprägsam.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte ist ein perfektes Ritual für die Advents- und Weihnachtszeit. Sie eignet sich hervorragend zum Vorlesen an gemütlichen Dezemberabenden, besonders in der Zeit um den Heiligen Abend, da die Handlung an diesem Punkt kulminiert. Durch ihre Länge und Kapitelstruktur (Aufbruch, Reise, Einrichten, Suche, Rettung, Fest) kann sie gut auf mehrere Tage verteilt werden.

Darüber hinaus passt sie wunderbar zu einem Natur- oder Waldthema, etwa nach einem Herbstspaziergang oder im Rahmen einer umweltpädagogischen Aktivität. Auch als ungewöhnliche, fantasievolle Geschichte für einen Märchenabend abseits der bekannten Klassiker ist sie eine echte Entdeckung. Für Erwachsene, die Heimatdichtung oder poetische Naturbeschreibungen schätzen, bietet sie an jedem beliebigen Anlass literarischen Genuss.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Die Geschichte entfaltet ihren Zauber für ein breites Altersspektrum. Als Vorlesegeschichte ist sie für aufmerksame Kinder ab etwa 5 oder 6 Jahren geeignet, wobei jüngere Zuhörer vielleicht die Fülle der Details noch nicht voll erfassen können, sich aber an den Bildern und der spannenden Rettung erfreuen.

Ideal ist sie für Kinder im Grundschulalter von 7 bis 10 Jahren. In diesem Alter können die Kinder der Handlung gut folgen, die Sprachschönheit genießen und die Themen Freundschaft und Mut direkt nachvollziehen. Auch für selbst lesende Kinder ab etwa 8 Jahren ist sie eine bereichernde, etwas anspruchsvollere Lektüre. Nicht zuletzt finden auch Erwachsene Gefallen an der poetischen Dichte und der liebevollen Ausgestaltung dieser kleinen Welt.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Die Geschichte eignet sich weniger für sehr junge Zuhörer unter 4 oder 5 Jahren, die eine sehr kurze, schnelle und stark reduzierte Handlung benötigen. Die vielen Beschreibungen und die Länge könnten hier zu Unruhe führen.

Menschen, die actionreiche, schnelle oder klar moralisierende moderne Geschichten bevorzugen, könnten den ruhigen, detailverliebten Erzählfluss von Löns als zu behäbig empfinden. Wer mit dem altertümlichen, heimatverbundenen Sprachduktus und den vielen Naturbegriffen gar nichts anfangen kann, findet hier vielleicht keinen Zugang. Auch für eine einmalige, kurze Vorleseaktion in unruhiger Umgebung (z.B. im Kindergarten-Kreis mit vielen Kindern) ist sie aufgrund ihrer Länge und Sprachfülle weniger ideal. Sie verlangt nach Muße und Konzentration, um ihre ganze Wirkung zu entfalten.

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