Brad Schmidt und das fehlende Geschenk
Kategorie: Lustige Weihnachtsgeschichten
Brad Schmidt und das fehlende Geschenk
Es war einmal ein nicht mehr ganz junger Mann, sagen wir mal so knapp über Mitte 30, der alles kannte, nur keine Selbstzweifel. Da er aber wusste, dass es – vor allem bei den Frauen – gut ankommt, sich selbst gelegentlich infrage zu stellen, täuschte er zuweilen vor, ein an den großen Menschheitsfragen – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer wird deutscher Meister? – verzweifelnder Softie zu sein, der nicht mehr weiß, ob das, was er tut, auch das Richtige sei. Aber nach jeder Prüfung seiner selbst, kam er immer wieder zu dem Schluss, dass er ein ganz toller Hecht sein muss – so perfekt, wie er war. Blendend aussehend, hyperintelligent, voller Witz und Esprit. Kurzum, der nicht mehr ganz so junge Mann hielt sich im Kern für eine Mischung aus Brad Pitt, Sir Ralf Dahrendorf und Harald Schmidt. Und der Einfachheit halber soll er im Folgenden daher auch Sir Brad Schmidt genannt werden oder noch besser: nur Brad Schmidt. Wer braucht heute noch Adel?
Nun kam aber der 16. Dezember, und Brad Schmidt stürzte in eine Krise. Entsetzt musste er, der sonst immer alles wusste – und dabei auch noch gut aussah –, an diesem Tag feststellen, dass es nur noch acht Tage bis Weihnachen waren und er noch nicht den blassesten Schimmer hatte, was er seiner Freundin schenken sollte. „Oh Gott, oh Gott”, dachte sich da Brad Schmidt. Warum muss gerade mir das passieren? Wo ich doch so schlau bin. Und so kreativ. Und dabei auch noch so gut aussehe. Drehen vielleicht meine Gene durch? Bin ich jetzt nicht mehr Brad Schmidt, sondern Ralf Pitt? Seh’ so aus wie Dahrendorf und bin so schlau wie Brad?
Brad Schmidt war so verzweifelt, dass er nicht mehr wusste, was er tat, und ohne Sinn und Ziel sein Altpapier durchstöberte, Und siehe, da erschien ihm die Fachzeitschrift ”Wirtschaftswoche”. In ihrer Ausgabe vom 30. November. „Fürchte Dich nicht”, sagte die Wirtschaftswoche. ”Denn es gibt jetzt Geschenke im Internet.
Unter www.youSmile.de findest Du die richtige Idee.“ Wie froh und glücklich der Brad da plötzlich war. Froh, dass irgendjemand die „Wiwo“ in seiner Yuppiebude vergessen hatte. Und glücklich, das er, wenn er schon keine eigene Idee hatte, bald eine fremde finden würde, die sich wunderbar als eigene verschenken ließe. „Ach”, sagte sich Brad Schmidt. „Wie gut, dass es doch das Internet gibt. Gäbe es es nicht, ich müsste es erfinden.”
Also setzte sich Brad Schmidt an seinen Computer und klickte sich auf die Seite, die ihn lächeln ließ. www.youSmile.de. Dort erschien alsbald das Ersehnte: ein „Ideenfinder”. Hier musste Brad zunächst ausfüllen, wer beschenkt werden soll, wie alt die zu Beschenkende ist, zu welchem Anlass geschenkt wird und wie viel er denn so auszugeben gedenke. Doch da kam Brad nun schon ins Trudeln. Wie hatte seine Freundin doch noch gesagt. „Ach Schatz, eigentlich ist es mir ja egal, was du mir schenkst. Hauptsache, es ist teuer und ein Brillant Die Kategorie „0-50 Mark” fiel also schon mal flach. Obwohl sich dahinter so schöne Sachen wiedas Mousepad „Culto” mit den schwimmenden Herzen für 24,90 Mark verbarg oder der Fotorahmen „Hugo Trio” für 39,90 Mark. Auch die zweite Kategorie (50-1100 Mark) schien Brad Schmidt nicht angemessen, hatte er seine Freundin doch erst kürzlich, zu ihrem Geburtstag, mit jenem Duschvorhang mit dem idyllischen Alte-Frau-mit-Messer-in-der-Hand-Motiv aus „Psycho” überrascht, der nun für 79 Mark im Internet angeboten wurde. Na ja, ehrlich gesagt, kam das Geschenk damals schon nicht richtig an. Und auch zu Weihnachten dürfte die Begeisterung darüber begrenzt sein. Zwei Duschvorhänge machen halt noch keinen Brillanten.
Aber ein Brillant war für Brad einfach nicht drin. Sein Chef, der alte Knicksack, hatte ihm erst unlängst die wohlverdiente Gehaltserhöhung mit einem wenig stichhaltigen, dafür umso charmanteren Argument verweigert: „Seien Sie doch froh, dass Sie bei uns arbeiten dürfen.” Tja, und so blieb nun Brad Schmidt nichts anderes übrig, als in der Kategorie „100-200 Mark” auf die „Suche starten”-Taste zu klicken. Doch bevor die Geschenke auf seinem Bildschirm erschienen, musste er noch schnell einige Angaben über den „Charaktertyp” der zu Beschenkenden machen. Ob sie denn Dinge analysieren und logische Zusammenhänge erkennen könne. „Na ja”, dachte sich Brad. „Sie ist ja zwar eine Frau, aber immerhin meine Freundin. Also geb’ ich ihr mal drei Punkte.” Fünf waren möglich. Ob sie gerne redet und ein kommunikativer Typ sei? „Kann man auch sechs Punkte vergeben?”, fragte sich Brad. Ob sie es liebe, die Zukunft zu entdecken? „Es sollte ihr reichen, mich zu entdecken.” Zwei Punkte. Ob sie unvorhergesehene Situationen meide. „Ja bin ich denn ihr Freund oder ihr Psychiater?” Ein Punkt.
Und dann klickte Brad Schmidt wieder auf die Suchtaste. Was für eine Vielfalt! Brad Schmidt konnte sich gar nicht entscheiden, was er denn nun für seine Liebste zum Fest der Liebe ordern sollte. Den innovativen Tischkalender mit integrierter Uhr für 189 Mark? Oder die todschicke Filztasche in Lila für 20 Mark weniger? Oder vielleicht doch lieber das Socken-Geschenk-Abo für 119 Mark. Nach langem Hin und Her, neuem Nachdenken und alten Zweifeln, entschied sich Brad schließlich für das, was alles andere wie Geschenke für den Muttertag erscheinen ließ für die Wäscheserie „Toledo” von Teleno, Dessous mit spanischem Temperament – und das für gerade mal 108 Mark!
„Tolero”, hieß es in der Anzeige, die Brad so voll überzeugte, sei wie gemacht für temperamentvolle Frauen: eine raffinierte Wäscheserie aus elastischem, besticktem Tüll in Schwarzweiß Der BH habe blickdicht gefütterte Cups. Slip und String-Tanga seien aus Mikrofaser und mit reichlich Tüll verziert. „Wow”, dachte da Brad Schmidt. „Das ist es.”
Und dann kam Weihnachten. Morgens schmückte Brad den Baum, mittags ging er mit seiner Freundin spazieren, am frühen Abend gingen beide gemeinsam in die Kirche und danach nach Hause. Sie wollten alleine sein, Brad Schmidt und seine Freundin, romantische Weihnachten zu zweit feiern. Erst hörten sie Weihnachtslieder, gesungen von Frank Sinatra, dann aßen sie Weihnachtsgans, zubereitet von Brad Schmidt, dann gab es die Weihnachtsbescherung, heiß erwartet von seiner Freundin. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie glücklich und zufrieden – bis sie das Geschenk ausgepackt hat. Autor: unbekannt
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Die Geschichte "Brad Schmidt und das fehlende Geschenk" ist weit mehr als eine simple Weihnachtsanekdote. Sie ist eine beißend-satirische Charakterstudie eines modernen, oberflächlichen Menschen. Im Kern entlarvt sie die Selbstgefälligkeit und den performativen Selbstzweifel einer Generation, für die Image und Effizienz über Authentizität und Empathie stehen. Brad Schmidt ist kein Bösewicht, sondern ein Produkt seiner Zeit: ein Yuppie, der seine Identität aus einer Collage aus Popkultur-Ikonen (Brad Pitt, Harald Schmidt) und Intellektuellen (Ralf Dahrendorf) bastelt, ohne eine eigene zu besitzen. Seine "Krise" ist keine echte Verzweiflung, sondern die Panik, sein perfekt kuratiertes Image durch ein Geschenk-Fauxpas zu beschädigen. Die Lösung sucht er nicht in persönlicher Reflexion über die Wünsche seiner Freundin, sondern in einem algorithmischen "Ideenfinder" im Internet – eine geniale Vorwegnahme heutiger Empfehlungsalgorithmen. Die Wahl des Dessous-Geschenks, getroffen nach pseudowissenschaftlicher Charakterabfrage, entpuppt sich als tragikomischer Fehlgriff. Es zeigt, dass Brad seine Partnerin nicht als Individuum, sondern als Objekt mit bestimmten Attributen ("temperamentvoll") sieht, das er mit einem standardisierten Produkt bedienen kann. Das offene Ende ("bis sie das Geschenk ausgepackt hat") ist der perfekte Höhepunkt. Es überlässt es der Leserin und dem Leser, die unvermeidliche Enttäuschung und den Beziehungskrach zu imaginieren und unterstreicht, dass Brads oberflächliche Lösung die wahre zwischenmenschliche Herausforderung von Weihnachten – das aufmerksame Schenken – völlig verfehlt hat.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine ambivalente, aber durchweg unterhaltsame Stimmung. Dominant ist eine ironische, teilweise sarkastische Grundhaltung, die den Protagonisten mit liebevoller Schärfe bloßstellt. Man lacht über Brads absurde Selbstüberschätzung ("Drehen vielleicht meine Gene durch?") und seine hilflosen Versuche, mit Algorithmen zwischenmenschliche Nähe zu ersetzen. Gleichzeitig schwingt eine leichte Melancholie mit, eine Wehmut über die Verluste im digitalen Zeitalter: den Verlust echter Kreativität, den Verlust tiefgehenden Verständnisses für den Partner und die Reduktion des Festes der Liebe auf ein logistisches Problem mit Budgetvorgabe. Die Stimmung ist also nicht kitschig-weihnachtlich, sondern aufgeklärt, witzig und ein wenig nachdenklich. Sie fühlt sich an wie ein kluges Gespräch mit guten Freunden bei einem Glas Glühwein, in dem man über die Tücken der modernen Weihnachtsvorbereitung lacht, ohne die schönen Seiten des Festes ganz zu vergessen.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Die Geschichte ist in erstaunlichem Maße zeitgemäß, ja fast prophetisch. Obwohl sie in der Ära von "Mark" und frühem Internet spielt, sind ihre Themen aktueller denn je. Der "Ideenfinder" von youSmile.de ist der direkte Vorläufer heutiger KI-gestützter Geschenk-Assistenten und personalisierter Online-Werbung. Brads Hang zur Selbstinszenierung und sein "gekaufter" Selbstzweifel finden ihre moderne Entsprechung in der curated Reality sozialer Medien, wo Leben und Beziehungen oft als perfektes Produkt präsentiert werden. Die zentrale Frage der Geschichte – ersetzt die bequeme, algorithmische Lösung das aufmerksame, persönliche Denken? – ist heute hochrelevant. Sie wirft Fragen auf, die uns im Alltag ständig begegnen: Verlernen wir das eigenständige Schenken durch Amazon-Wunschzettel? Reduzieren Dating-App-Algorithmen Menschen auf checkbare Kategorien, ähnlich wie Brads Charaktertyptest? Die Geschichte bleibt also keine nostalgische Kuriosität, sondern funktioniert als scharfsinnige Parabel auf unsere gegenwärtige, von digitalen Abkürzungen geprägte Beziehungskultur.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist die Geschichte im mittleren bis anspruchsvollen Bereich anzusiedeln. Der Satzbau ist komplex und kunstvoll, voller Einschübe und ironischer Brechungen. Der Text setzt ein gewisses kulturelles Allgemeinwissen voraus, da er auf reale Personen (Brad Pitt, Ralf Dahrendorf, Harald Schmidt) und Filme ("Psycho") anspielt, ohne diese näher zu erklären. Der humoristische Stil lebt von Übertreibungen, subtilen Anspielungen und einem sehr spezifischen, teilweise leicht veralteten Jargon ("Yuppiebude", "Knicksack"). Für junge Leserinnen und Leser mögen Begriffe wie "Wirtschaftswoche" oder "Mousepad" historisch wirken, was den Zugang leicht erschweren kann. Insgesamt ist die Erzählung aber gut verständlich, vorausgesetzt man lässt sich auf ihren satirischen Ton ein. Sie ist kein simpler Kindertext, sondern eine literarisch anspruchsvolle Kurzgeschichte für ein erwachsenes Publikum, das Freude an sprachlicher Finesse und gesellschaftlicher Beobachtung hat.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Weihnachtsgeschichte eignet sich perfekt für alle Anlässe, bei denen erwachsene Gäste oder Familienmitglieder mit Humor und Intelligenz unterhalten werden sollen. Sie ist ein idealer Lektürebeitrag für den Heiligabend in einem Kreis, der den klassischen Kitsch satt hat und sich über eine intelligente Alternative freut. Auch auf einer vorweihnachtlichen Feier mit Freunden oder Kollegen kommt sie ausgezeichnet an, da sie direkt aus dem (überforderten) Leben gegriffen zu sein scheint. Für literarische Stammtische oder Buchclubs in der Adventszeit bietet sie zudem hervorragenden Diskussionsstoff über Konsumkritik, Männlichkeitsbilder und den Einfluss der Digitalisierung auf unsere Traditionen. Kurz gesagt: Überall dort, wo man nicht nur "Stille Nacht" hören, sondern auch schmunzelnd über die Absurditäten der modernen Weihnachtshektik nachdenken möchte.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Zielgruppe sind eindeutig Erwachsene und junge Erwachsene. Ein ideales Lesealter beginnt etwa ab 20 Jahren. Zum vollen Verständnis und Genuss benötigt man Lebenserfahrung mit den beschriebenen Situationen: den Stress der Geschenkesuche, den Druck, in Beziehungen das "perfekte" Präsent zu finden, und die satirisch porträtierten Verhaltensweisen in Beruf und Partnerschaft. Teenager unter 16 Jahren werden mit vielen Anspielungen (z.B. auf die "Wirtschaftswoche" oder die genannten Persönlichkeiten) und der subtilen Beziehungssatire wahrscheinlich wenig anfangen können. Die Geschichte spricht besonders Menschen an, die selbst in der "Mitte 30" oder darüber sind und die Yuppie-Ära der 90er/2000er Jahre entweder miterlebt haben oder deren kulturelle Codes kennen.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Für einige Lesergruppen ist diese Erzählung weniger passend. Das sind:
- Kinder und jüngere Jugendliche: Sie werden den ironischen Ton, die sozialkritischen Untertöne und die meisten kulturellen Referenzen nicht entschlüsseln können. Die Pointe geht an ihnen vorbei.
- Menschen, die nach traditioneller, herziger und besinnlicher Weihnachtsliteratur suchen: Wer sich mit "Brad Schmidt" auf das Sofa kuschelt, erhält keine gefühlvolle Weihnachtswärme, sondern einen satirischen Spiegel vorgehalten.
- Leserinnen und Leser, die sehr direkte, actionreiche oder einfach gebaute Geschichten bevorzugen: Der Reiz liegt hier ganz im sprachlichen Witz, in der Charakterzeichnung und in der gesellschaftlichen Observation, nicht in einer spannenden Handlung.
- Personen, die sich von der schonungslosen Darstellung eines oberflächlichen, narzisstischen Protagonisten angegriffen oder nicht amüsiert fühlen könnten: Der Humor ist zwar liebevoll, aber dennoch deutlich und entlarvend.