Weihnacht
Kategorie: Kurze Weihnachtsgeschichten
Weihnacht
Als ich am heiligen Abend mit einem Freunde reiste, um der Stimmung zu entgehen, zu der uns die Stimmung fehlte, erkannte ich, wie sich das Bild der Welt verändert hat, seitdem ihr die Stimmung vorgeschrieben ist. Drei Handlungsreisende, die in der dritten Wagenklasse nicht mehr Platz gefunden hatten, drangen in unser Coupé und begannen sofort von Geschäften zu sprechen. Sie sprachen aber in einem Ton, der etwa den Ernst jenes Lebens offenbarte, aus dem die Anekdoten ihren Humor schöpfen. Wir räumten das Feld, und nachdem wir eine Weile von draußen einem Kartenspiel hatten zusehen müssen, bekamen wir Plätze in der ersten Klasse angewiesen. Dort erkannte ich die Bedeutung dieses Abenteuers in dieser Nacht: Wer ohne Abschied von Gott den Zug bestiegen hat, wird ihn als guter Christ verlassen. Er ist bekehrt, er sehnt sich wieder nach dem Duft von Harz und Wachs und Familie. Ihm, nur ihm wurden solch heilige drei Könige gesendet ... So hätten auch wir unsere Weihnacht erlebt, wenn nicht die Stimmung, der wir uns also ergeben mußten, durch eben jene wieder gestört worden wäre. Denn sie drangen nun auch indie erste Klasse und verlangten Genugtuung, weil sie vermuten zu können glaubten, daß wir uns über ihr morgenländisches Betragen beim Schaffner beschwert hätten. Sie sagten stolz, sie seien Kaufleute. Sie zogen die Stiefel aus und spielten Tarock. Sie borgten sich die Ehre von Gott in der Höhe, nahmen den Frieden von der Erde und waren den Menschen kein Wohlgefallen. Wir aber, die den Weihnachtstraum wieder entschwinden sahen, beugten uns vor der Übermacht der Religion, für die sie reisten ... Wer vermöchte sich ihr zu entziehen? Sie drang aus der dritten empor in die zweite Klasse und sie übt Vergeltung bis in die erste Klasse. Im Diesseits und im Jenseits gewinnt sie um geringern Lohn den bessern Platz. Sie läßt das Leben nicht zur Ruhe kommen und in der Kunst erreicht sie es mühelos, daß man ihr die bequeme Geltung einräumt. Sie ist da, und man flüchtet auf den Korridor. Zieht man sich dann aber in die Unsterblichkeit zurück, so verschafft sie sich auch dort Einlaß. Sie ist da und dort. Vor der Allgewalt des Geschäftsreisenden ist in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen. Autor: Karl Kraus
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext zum Autor
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Ist die Geschichte zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Karl Kraus entwirft in seiner kurzen Erzählung "Weihnacht" eine bittere und zugleich scharfsinnige Satire auf die Entfremdung des modernen Menschen vom eigentlichen Weihnachtsgeist. Die Handlung ist schnell erzählt: Der Erzähler und sein Freund fliehen am Heiligen Abend vor der erzwungenen Festtagsstimmung in einen Zug. Ihre Flucht scheitert, als drei geschäftige Handelsreisende ihr Abteil stürmen und mit ihrer profanen, lauten Art jede besinnliche Atmosphäre zerstören. Die Flucht in die erste Klasse wird zur scheinbaren Rettung und löst im Erzähler eine fast mystische Erkenntnis aus: In dieser Nacht könnte die aufdringliche Störung selbst zur Bekehrung führen, ähnlich wie die Heiligen Drei Könige einst zum Christkind fanden. Doch die Ironie ist durchdringend. Die "drei Könige" dieser Moderne sind keine Weisen, sondern Vertreter des Kommerzes, die selbst in den vermeintlich geschützten Raum der ersten Klasse nachdrängen und dort Tarock spielen, die Stiefel ausziehen und Streit suchen. Die zentrale Metapher ist der Zug, der für die unaufhaltsame Fahrt der säkularisierten, geschäftsorientierten Welt steht. Die "Religion", der sich die Reisenden am Ende beugen müssen, ist nicht das Christentum, sondern die "Allgewalt des Geschäftsreisenden" – eine weltliche, rücksichtslose Macht, die jeden spirituellen Raum erobert, ob im Diesseits (Zugabteile) oder im Jenseits (als Chiffre für Kunst und Unsterblichkeit). Die Weihnacht wird so zum Traum, der nicht nur unerreichbar ist, sondern aktiv von den Kräften zerstört wird, die das moderne Leben bestimmen.
Biografischer Kontext zum Autor
Karl Kraus (1874-1936) war einer der bedeutendsten und schärfsten Satiriker, Sprachkritiker und Publizisten des frühen 20. Jahrhunderts. In Wien publizierte er über drei Jahrzehnte hinweg seine Zeitschrift "Die Fackel", die er später nahezu im Alleingang verfasste. Sein Werk ist ein kompromissloser Kampf gegen Phrasendrescherei, Heuchelei, Korruption und den Verfall der Sprache, den er als Symptom eines moralischen Verfalls sah. Die hier vorliegende Geschichte ist typisch für Kraus: Sie entlarvt die Diskrepanz zwischen einem hohen kulturellen Anspruch (Weihnacht, Besinnlichkeit) und der platten Realität eines von Geschäftemacherei und Rücksichtslosigkeit geprägten Lebens. Seine Kritik am Journalismus, am Kommerz und an der oberflächlichen "Stimmung" statt echter Gefühle findet sich hier in nuce. Kraus sah sich als Wächter der Sprache und des Geistes in einer Zeit, die er zunehmend als seelen- und sinnentleert empfand. Diese Miniatur "Weihnacht" ist somit kein harmloses Festtagsmärchen, sondern eine präzise gestochene Diagnose seiner Zeit, die aus der Perspektive des sprachmächtigen Moralisten formuliert ist.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Erzählung erzeugt eine sehr spezifische, ambivalente Stimmung. Dominierend ist ein Gefühl der Resignation und der bitteren Ironie. Der Leser spürt die Verärgerung und Hilflosigkeit der Protagonisten, die nirgends Ruhe finden. Es herrscht eine Atmosphäre der Unruhe und des unaufhaltsamen Eindringens, symbolisiert durch die vom dritten in den ersten Klasse vordringenden Reisenden. Gleichzeitig liegt über dem Ganzen der kalte, analytische Glanz der Satire. Kraus beschreibt nicht einfach nur eine unangenehme Zugfahrt, er seziert sie und hebt sie auf eine allgemeingültige, fast schon tragikomische Ebene. Die anfängliche Hoffnung auf einen "Weihnachtstraum" verpufft und hinterlässt eine leere, nüchterne Erkenntnis. Die Stimmung ist also nicht besinnlich oder gar festlich, sondern desillusionierend, doch auf eine Weise, die den Leser zum Nachdenken und zum Schmunzeln über die eigene Zeit bringt.
Ist die Geschichte zeitgemäß?
Die Geschichte ist in erschreckender Weise zeitgemäß. Kraus thematisiert die Kommerzialisierung und Veräußerlichung von Festen, ein Phänomen, das heute allgegenwärtig ist. Der Zwang zur "Stimmung", den die Protagonisten fliehen, erinnert an den heutigen Druck, das perfekte Weihnachtsfest auf Social Media zu inszenieren. Die "Handlungsreisenden" stehen stellvertretend für eine rücksichtslose, nur auf Geschäft und eigenen Vorteil bedachte Haltung, die auch heute in vielen Lebensbereichen dominiert. Die Frage, ob es überhaupt noch möglich ist, echte Ruhe und Spiritualität zu finden in einer Welt des ständigen Lärms, der Durchdringung und des Profits, ist hochaktuell. Kraus wirft damit Fragen auf, die heute vielleicht drängender sind denn je: Können wir uns dem Diktat der Geschäftigkeit noch entziehen? Gibt es geschützte Räume jenseits des Kommerzes? Die Geschichte ist eine brillante Parabel auf die Entweihung des Sakralen durch das Profane – ein Konflikt, der unsere moderne Gesellschaft tief durchzieht.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Der sprachliche Schwierigkeitsgrad dieser Geschichte ist eindeutig anspruchsvoll. Karl Kraus verwendet einen sehr dichten, präzisen und literarischen Stil. Seine Sätze sind komplex gebaut und voller ironischer Wendungen und Doppelbödigkeiten. Begriffe wie "morgenländisches Betragen" oder die Umdeutung der "heiligen drei Könige" erfordern kulturelles und literarisches Hintergrundwissen, um die satirische Spitze vollends zu erfassen. Die Sprache ist nicht einfach nur Erzählung, sondern selbst Träger der Kritik. Für ungeübte Leser können die verschachtelten Gedankengänge und die subtile Ironie eine Hürde darstellen. Man muss den Text langsam lesen und zwischen den Zeilen lesen können, um seine volle Tiefe und Schärfe zu würdigen.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich perfekt für anspruchsvolle literarische Gesprächsrunden oder Lesekreise in der Adventszeit, die über den Tellerrand der üblichen Herz-Schmerz-Geschichten hinausschauen wollen. Sie ist ein ideales Diskussionsgrundlage für Erwachsene, die sich kritisch mit den Widersprüchen der Weihnachtszeit auseinandersetzen möchten. Ebenso passt sie hervorragend in den Unterricht der Oberstufe (Deutsch, Philosophie, Ethik), um Themen wie Gesellschaftskritik, Säkularisierung, Sprachkritik und literarische Satire zu behandeln. Sie ist die Anti-Geschichte zum klassischen Weihnachtsfilm und bietet damit einen erfrischend anderen, intellektuell stimulierenden Beitrag zu Festtagen.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Aufgrund ihres anspruchsvollen Inhalts und ihrer sprachlichen Komplexität eignet sich die Geschichte primär für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 16 Jahren. Insbesondere für literarisch interessierte oder philosophisch reflektierende Leser dieser Altersgruppen bietet sie reichhaltigen Stoff. Die notwendige Lebenserfahrung, um die Kritik an Hektik, Kommerz und erzwungener Geselligkeit nachvollziehen zu können, setzt eine gewisse Reife voraus. Für junge Erwachsene in der Oberstufe oder im Studium kann sie ein ausgezeichneter Einstieg in die Welt der literarischen Satire und der Kulturkritik sein.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für Leser, die eine traditionelle, besinnliche oder herzerwärmende Weihnachtserzählung suchen. Wer einfache Unterhaltung und unkomplizierte Festtagsfreude erwartet, wird hier enttäuscht werden. Ebenso ist sie für jüngere Kinder aufgrund ihrer abstrakten Gedankenführung und ihrer düsteren Grundstimmung ungeeignet. Auch Menschen, die keinen Zugang zu ironischer oder satirischer Literatur haben oder die Botschaft als zu zynisch empfinden könnten, werden mit diesem Text von Karl Kraus wahrscheinlich wenig anfangen können. Es ist definitiv keine Geschichte für die gemütliche Vorleserunde mit der ganzen Familie unterm Tannenbaum.
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