Das Christbäumchen

Kategorie: Kurze Weihnachtsgeschichten

Das Christbäumchen
Die Bäume stritten einmal miteinander, wer von ihnen der vornehmste wäre.
Da trat die Eiche vor und sagte: "Seht mich an! Ich bin hoch und dick und habe viele Äste, und meine Zweige sind reich an Blättern und Früchten."
"Früchte hast Du wohl", sagte der Pfirsichbaum; "allein es sind nur Früchte für die Schweine; die Menschen mögen nichts davon wissen. Aber ich, ich liefere die rotbackigen Pfirsiche auf die Tafel des Königs".
"Das hilft nicht viel", sagte der Apfelbaum, "von deinen Pfirsichen werden nur wenige Leute satt. Auch dauern sie nur wenige Wochen; dann werden sie faul, und niemand kann sie mehr brauchen. Da bin ich ein anderer Baum. Ich trage alle Jahre Körbe voll Äpfel, die brauchen sich nicht zu schämen, wenn sie auf eine vornehme Tafel gesetzt werden. Sie

machen auch die Armen satt. Man kann sie den ganzen Winter im Keller aufbewahren oder im Ofen dörren oder Most daraus keltern. Ich bin der nützlichste Baum!"
"Das bildest du dir nur ein" sagte die Fichte, "aber du irrst dich. Mit meinem Holz baut man die Häuser und heizt man die Öfen. Mich schneidet man zu Brettern und macht Tische, Stühle, Schränke, ja sogar Schiffe daraus. Dazu bin ich im Winter nicht so kahl wie ihr: Ich bin das ganze Jahr hindurch schön grün. Auch habe ich noch einen Vorzug. Wenn es Weihnachten wird, dann kommt das Christkindchen, setzt mich in ein schönes Gärtchen und hängt goldene Nüsse und Äpfel an meine Zweige. über mich freuen sich die Kinder am allermeisten. Ist das nicht wahr"?
Dem konnten die anderen Bäume nicht widersprechen.

Autor: Wilhelm Curtman

Ausführliche Interpretation der Geschichte

Wilhelm Curtmans "Das Christbäumchen" ist eine kluge Parabel, die auf den ersten Blick wie ein einfacher Wettstreit der Bäume wirkt. Bei genauerem Hinsehen offenbart sie jedoch tiefere Schichten über Werte, Nützlichkeit und wahre Bedeutung. Jeder Baum argumentiert aus seiner eigenen, begrenzten Perspektive: Die Eiche prahlt mit Stärke und Größe, der Pfirsichbaum mit exklusiver Schönheit für die Reichen, und der Apfelbaum mit seiner breiten, praktischen Nützlichkeit für alle Gesellschaftsschichten. Ihre Argumente kreisen um materiellen Nutzen, Status und vergängliche Güter.

Die Fichte hingegen führt das Gespräch auf eine völlig andere Ebene. Sie erwähnt zwar auch ihren praktischen Nutzen (Bauholz, Möbel), aber ihr entscheidendes Argument ist ein emotionales und symbolisches. Sie verweist auf ihre immergrüne Natur als Zeichen der Beständigkeit und vor allem auf ihre Rolle im Weihnachtsfest. Die Verwandlung durch das "Christkindchen", geschmückt mit goldenen Nüssen und Äpfeln, macht sie zum Mittelpunkt kindlicher Freude und eines familiären Festes der Liebe. Der Sieg der Fichte zeigt, dass der höchste Wert nicht in rein ökonomischem Nutzen oder äußerem Prunk liegt, sondern in der Fähigkeit, Gemeinschaft zu stiften, Herzen zu erfreuen und spirituelle Tradition zu verkörpern. Die Geschichte feiert somit den Sieg des Sinnstiftenden über das rein Zweckmäßige.

Biografischer Kontext zum Autor

Wilhelm Curtman (1802 – 1871) war ein deutscher Philologe, Pädagoge und Autor, der vor allem durch seine Schullesebücher und volkstümlichen Erzählungen bekannt wurde. Sein literaturgeschichtlicher Rang liegt weniger in avantgardistischer Kunst, sondern vielmehr in seiner prägenden Rolle für die Bildung und moralische Erziehung im 19. Jahrhundert. Als Direktor des Gymnasiums in Zweibrücken verstand er es, pädagogische Inhalte in ansprechende, leicht verständliche Geschichten zu kleiden.

Sein Werk "Das Christbäumchen" entstammt genau diesem Geist. Es ist eine lehrreiche Fabel, die Werte wie Bescheidenheit, Gemeinschaftssinn und die wahre Bedeutung von Festen vermittelt. Curtmans Geschichten waren darauf ausgelegt, in Schule und Familie gelesen zu werden und so das bürgerliche Wertesystem seiner Zeit zu festigen. Die zeitlose Popularität dieser kleinen Geschichte bezeugt sein Talent, universelle Botschaften in eine einfache, einprägsame Form zu gießen.

Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?

Die Erzählung erzeugt eine warme, heimelige und letztlich versöhnliche Stimmung. Der anfängliche, fast streithafte Ton des Wettstreits weicht schnell einer ruhigen Darstellung der verschiedenen Argumente. Die Sprache ist bildhaft und lässt die unterschiedlichen Qualitäten der Bäume lebendig werden. Mit dem Auftritt der Fichte und der Erwähnung des Christkindchens und der festlich geschmückten Zweige kommt ein magischer, freudiger und nostalgischer Klang in die Geschichte.

Das Ende, in dem die anderen Bäume nicht widersprechen können, hinterlässt ein Gefühl der stillen Einigkeit und Anerkennung. Es ist keine Stimmung des Triumphs, sondern der besonnenen Einsicht. Die Atmosphäre ist ideal für die Vorweihnachtszeit: Sie regt zum Nachdenken an, ohne zu belehren, und endet in einem Bild voller Hoffnung und festlicher Vorfreude.

Ist die Geschichte zeitgemäß?

Absolut. Die zentrale Frage des Stücks – was einen wertvoll macht – ist heute relevanter denn je. In einer Gesellschaft, die oft Leistung, Effizienz und äußeren Erfolg in den Vordergrund stellt, erinnert die Fichte daran, dass emotionale Bedeutung, Tradition und die Fähigkeit, Freude zu schenken, unschätzbare Werte sind. Der Wettstreit der Bäume lässt sich leicht auf moderne Diskussionen übertragen: Soll ein Produkt nur funktional sein oder auch emotional ansprechen? Zählt bei einer Person nur der berufliche Output oder auch ihr Beitrag zum Gemeinwohl und zum zwischenmenschlichen Klima?

Die Geschichte wirft auch die Frage nach Nachhaltigkeit und Beständigkeit auf (immergrüne Fichte vs. laubabwerfende Bäume) und thematisiert indirekt, dass jeder seine einzigartige "Bestimmung" hat. In einer schnelllebigen Zeit bietet die Tradition des Weihnachtsbaums, wie sie hier beschrieben wird, ein Gefühl von Halt und Kontinuität. Die Parabel ist also keineswegs veraltet, sondern bietet reichhaltigen Stoff für Gespräche über moderne Werte.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist die Geschichte als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und überwiegend parataktisch (Aneinanderreihung von Hauptsätzen). Der Wortschatz ist allgemein verständlich und enthält nur wenige veraltete Begriffe (z.B. "Most keltern"), die sich aber aus dem Kontext leicht erschließen. Die direkte Rede und die klare Zuordnung der Argumente zu den einzelnen Bäumen machen den Text sehr gut nachvollziehbar.

Die Herausforderung liegt weniger in der Sprache selbst, sondern im Verständnis der übertragenen Bedeutung, also der metaphorischen Ebene der Fabel. Diese zu erfassen, erfordert ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen, was die Einstufung im mittleren Bereich rechtfertigt. Insgesamt ist der Text aber für ein breites Publikum sehr gut zugänglich.

Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?

Diese Geschichte ist ein vielseitiger Begleiter in der Advents- und Weihnachtszeit. Perfekt eignet sie sich:

  • Als vorweihnachtliche Vorlesegeschichte in der Familie, vielleicht beim gemeinsamen Basteln oder Backen.
  • Als Einstieg oder Thema in der Weihnachtsfeier im Kindergarten oder in den unteren Grundschulklassen.
  • Als besinnliche Lesung bei einer gemütlichen Adventsfeier mit Freunden.
  • Als Impuls für ein Gespräch über die Bedeutung von Weihnachten jenseits des materiellen Schenkens.
  • Als festlicher Beitrag in einem selbst gestalteten Adventskalender, bei dem jeden Tag eine Geschichte gelesen wird.

Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?

Die Zielgruppe ist breit gefächert. Auf der reinen Handlungsebene ist die Geschichte bereits für Kinder ab etwa 4 oder 5 Jahren verständlich und ansprechend, da sie Tiere und Bäume als sprechende Charaktere enthält. Die moralische Botschaft und die schöne Beschreibung des Weihnachtsbaums erreichen auch Schulkinder bis etwa 10 Jahre.

Durch ihre metaphorische Tiefe und die universelle Thematik des Wertestreits spricht sie aber auch Jugendliche und Erwachsene an. Für sie kann die Geschichte ein Anstoß sein, über gesellschaftliche und persönliche Wertvorstellungen nachzudenken. Sie ist also eine echte Generationen übergreifende Erzählung.

Für wen eignet sich die Geschichte weniger?

Die Geschichte eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine actionreiche, spannungsgeladene oder komplexe Handlung suchen. Der Plot ist statisch und besteht fast ausschließlich aus einem Dialog. Wer also nach dramatischen Wendungen oder ausgefeilten Charakteren sucht, wird hier nicht fündig.

Ebenso könnte die stark christlich konnotierte Symbolik (Christkindchen) für Menschen, die einen rein säkularen oder kulturell anders geprägten Zugang zu Weihnachten suchen, weniger passend sein. Die Geschichte transportiert ein sehr traditionelles, im 19. Jahrhundert verwurzeltes Weihnachtsbild, das nicht mit allen modernen Interpretationen des Festes übereinstimmen muss. Für einen rein historischen oder religionskritischen Blick auf Weihnachten bietet der Text wenig Angriffspunkte.

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